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Fono Forum Mai 2003,
Crescendo April/Mai 2003,
Rondo April/Mai 2003
DVD-Audio vor dem Durchbruch?
Nur gerade 5 Jahre hat die DVD gebraucht,
um alle anderen Videoformate zu überflügeln. Das ist der dramatischste Erfolg in
der Geschichte der Heimelektronik, nicht einmal die CD hat sich auch nur
annähernd so schnell durchgesetzt. Schön und gut, aber in all der Euphorie um
prachtvolle Bildqualität, verschiedene Tonformate und bequeme Handhabung hat man
lange übersehen, dass die DVD nicht einfach nur eine Videoplatte ist, sondern
der erste wirkliche Multimedia-Datenträger. Eine Platte mit eingebauter Zukunft
sozusagen, denn man hat dieses Format in weiser Voraussicht so flexibel
gestaltet, dass man unglaublich viele, ganz verschiedene Dinge darauf
unterbringen kann ohne die Grundkonzeption des Formates und damit die
Kompatibilität zu verlassen.
Also gibt es eine ganze Familie von DVDs. Die Verwandten der bekannten DVD-Video
tragen so merkwürdige Uebernamen wir ROM, RAM oder RW, aber meine
Lieblings-Variante heisst DVD-A. Die bietet mir nämlich so ziemlich alles, was
ich, der ich seit Jahrzehnten unermüdlich nach immer weiteren Verbesserungen
suche, mir erträumen kann – und zwar sympatischerweise sowohl in meiner Rolle
als Konsument als auch in der des Produzenten.
Als Konsument freue ich mich über den grossen Gewinn an Klangqualität. Immerhin
kann eine DVD-A pro Zeiteinheit im Vergleich zur CD bis zu tausendmal soviel
Information über die Schallwelle enthalten. Klar, dass sich das hörbar auswirkt.
Doch sehen wir der Sache ins Auge: Allein deswegen wird sie sich nicht
durchsetzen, denn klangliche Nuancen sind immer nur für eine Minderheit
entscheidend. Noch viel wichtiger als der Gewinn an Feinauflösung ist für die
meisten Leute aus diesem Grunde der Surroundsound. Denn der schafft, für jeden
augenblicklich erkennbar, ein völlig neuartiges Musikerlebnis von einer
Intensität, die jeden, aber auch wirklich jeden schlicht umwirft. Wenn der viel
missbrauchte Satz von den „neuen Klangdimensionen“ jemals seine Berechtigung
hatte, dann hier.
Aber Klang allein reicht heute nicht mehr aus. Ob wir es nun wahr haben wollen
oder nicht: Das Hifi-Zeitalter ist vorbei, heute leben wir in der
Multimedia-Epoche. Hier erwartet die junge Generation ein die Musik ergänzendes
Informations- und Unterhaltungsangebot. Da mögen die Ayatollas der reinen
HiFi-Lehre noch so verächtlich die Nase rümpfen, Tatsache ist, dass der
spielerische Umgang mit Videos, Songtexten, Bandfotos, Trailern, Interviews und
Weblinks durchaus intensivierend auf das Verständnis für die Musik und auf die
emotionale Bindung and die Musik und deren Macher wirken kann. Angenehm ist
auch, dass ich bei der DVD-A frei in Bildern, Texten und Biographien herumsurfen
kann ohne die Musik zu unterbrechen. Das kann die DVD-Video nicht. Ach ja, und
weil Musik eine universelle Weltsprache ist, gibt’s bei der DVD-A auch keine
Restriktionen durch Ländercodes.
Fast noch mehr freue ich mich aber als Produzent über die DVD-Audio denn diese
bietet mir gegenüber der CD nicht nur unkomprimierten Surroundsound in einer
Klangqualität an der äussersten Grenze des physikalisch überhaupt Möglichen. Sie
bringt mir auch kreativ nutzbaren Multimedia-Spielraum und sie sprengt das
starre CD-Korsett von 16Bit/44,1kHz und 74 Minuten Spieldauer. Jetzt kann ich
endlich je nach Programm und Einsatzzweck individuell und massgeschneidert
Kanalzahl, Qualitätsebene und Spieldauer wählen, sogar, wenn’s denn sein muss,
unterschiedliche Quantisierungen für die Front- und Surroundkanäle. Ich kann
aber auch 35 Stunden ununterbrochene Surroundmusik in Dolby Digital draufpacken,
was für Hintergrundmusik weiss Gott mehr als gut genug ist.
Und das alles mit einem ganz neuen Kopierschutz, der so wasserdicht ist, dass
ihn noch niemand geknackt hat. Sollte einem Superhacker dereinst dennoch ein
Einbruch gelingen, so würde er ziemlich frustriert feststellen, dass er nur den
ersten Titel der DVD-A kopieren kann, weil der nächste nämlich schon wieder ganz
anders verschlüsselt ist.
Schon allein aus diesem Grunde müssten sich eigentlich alle grossen
Plattenfirmen begeistert auf die DVD-Audio stürzen, aber nicht nur aus diesem.
Riesige Geschäftsmöglichkeiten tun sich ihnen auf, wenn sie ihre in den letzten
Jahrzehnten angehäuften Mehrspurbänder nochmals neu abmischen und diese
Aufnahmen auf DVD-A wieder veröffentlichen. Schon beim Uebergang von der
Langspielplatte zur CD hat die Wiederverwertung ihrer Archive so manche Firma
saniert, diesmal, mit hochauflösendem Surroundsound und attraktivem
Multimedia-Bonusmaterial ist der Zugewinn für die Konsumenten noch viel
dramatischer, die Chance, mit relativ wenig Aufwand erheblichen Gewinn zu
realisieren, entsprechend grösser.
Nur: Wenn das alles so wunderbar und plausibel ist, warum sehen wir dann keine
riesigen Werbekampagnen für DVD-Audio und warum sind dann die Läden nicht schon
heute voll von diesen neuen Wunderplatten?
Dafür sehe ich im wesentlichen zwei Gründe: Zum einen kommt diese Innovation in
einem für die Softwareindustrie ausgesprochen ungünstigen Moment. Die meisten
Firmen sind mit Restrukturieren, Abteilungen schliessen, Outsourcen und Leute
entlassen dermassen ausgelastet, dass ihnen Ideen, Mut und Geld für
weitblickende Konzepte und Investitionen in die Zukunft fehlen. Und zum anderen
gilt die DVD-Audio in manchen Chefetagen als kompliziert. Doch das ist das
falsche Wort. Sie ist flexibel und gerade dadurch zukunftsträchtig. Wer sich
gerne mit ihren Zusatzinformationen, Bildern und Weblinks beschäftigt, kann das
tun, aber er muss nicht. Man braucht keinen Bildschirm um sie zu bedienen, nicht
einmal ein Display. Sie läuft in fast jedem DVD-Player, im Autoradio, im
Computer, im DVD-Player und im Notebook, in Stereo und in Surround, und um so
lästige Abkürzungen wie LPCM, MLP, DD, DTS oder 2+2+2 braucht man sich nicht zu
kümmern. Auf welchem Gerät auch immer man die Scheibe abspielt, man bekommt
immer ganz automatisch die beste Qualitätsstufe geboten, die dem jeweiligen
Abspielgerät möglich ist.
Schon mehr als 120 Millionen DVD-Player stehen weltweit in den Haushalten, da
sind die Computerlaufwerke noch nicht einmal mitgerechnet. Und der Boom geht
weiter: In der Computerbranche haben einige Firmen sogar schon aufgehört,
überhaupt noch CD-Laufwerke zu fabrizieren, da gibt es nur noch DVD-Drives, denn
die können ja auch die alten CDs abspielen. Im Zuge des Zusammenwachsens von
Computer- und Unterhaltungslektronik wird diese Entwicklung über kurz oder lang
auch die Heimelektronik erreichen. Dort ist die DVD heute der
Video-Weltstandard, aber sie hat alle Chancen, auch zum zukünftigen
Audio-Weltstandard zu werden. Denken Sie doch: In nahezu jedem DVD-Player kann
man auch fast jede DVD-Audio abspielen, da wäre es doch gelacht, wenn die nicht
auch ein Erfolg würde!
Albrecht Gasteiner
ag@omniphon.ch
Albrecht Gasteiner

hat in Salzburg Musik studiert und an den
Salzburger Festspielen, im Wiener Kammerorchester, aber auch in Jazz- und
Popgruppen gespielt. Schon 1970 hat er die ersten Surround-Musikaufnahmen
gemacht und war dann als Europa-PR-Manager eines japanischen Konzerns
massgeblich an der Einführung der Digital-Audiotechnik und der CD beteiligt. Der
prominente Audio-Pionier hat als Produzent und Tonmeister mit eigenem Studio in
der Schweiz für CD-Firmen und Rundfunkstationen von USA bis Japan und mit
Künstlern wie Nikolaus Harnoncourt, David Zinman, Willam Christie, José Cura,
Christoph von Dohnányi oder Franz Welser-Möst gearbeitet. Albrecht Gasteiner
berät ausserdem verschiedene Unternehmen in Fragen der Heimelektronik, ist ein
gefragter Publizist und Vortragsredner und er leitet den weit über die Schweiz hinaus beachteten
Informationsdienst www.dvd-forum.ch