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Neue
Zürcher Zeitung
2. März 2001
DVD-Audio kommt kommt nicht - kommt
Als vor 20 Jahren die ersten Compact Discs in die Läden
kamen, war das für die Softwarebranche ein Moment von historischer Tragweite. Mit
massivem Werbeaufwand und viel Enthusiasmus wurde ein neuer Tonträger lanciert, der den
Musikfreunden neue Dimensionen von Klangqualität und Bedienungskomfort erschliessen
sollte. Trotz allerhand skeptischer Stimmen und der anfangs hohen Preise kam der Erfolg
schnell. So offensichtlich waren die Vorzüge des neuen Systems, dass viele Konsumenten
bald einmal ihre LP-Sammlung einmotteten und das gesamte Repertoire nochmals neu kauften
auf Compact Disc.
Nun wird zurzeit wieder ein neuer Tonträger eingeführt, aber massiver Werbeaufwand ist
nicht zu sehen und von Enthusiasmus in der Branche kaum etwas zu spüren.
Das erstaunt insofern, als die Musikindustrie als auch die Hi-Fi-Branche dringend neue
(Kauf-)Impulse bräuchten und die DVD-Audio durchaus das Zeug dazu hat, der stagnierenden
High-Fidelity neuen Schwung zu verleihen. Denn sie präsentiert sich keineswegs als
DVD-Video ohne Bild, sondern als eigenständiges Format mit allerhand
zukunftsträchtigen Besonderheiten:
- Anders als bei der CD sind die Qualitätsparameter bei der DVD-A nicht festgelegt.
In dem zwecks Flexibilisierung sehr weit gefassten Rahmen des Formates ist lineare
PCM-Aufzeichnung in extrem hoher Qualität ebenso möglich wie die Verwendung
datenreduzierender Formate wie Dolby Digital oder DTS. Eine DVD-5 von 4,7 GB Kapazität
speichert zum Beispiel eine gute Stunde Surroundsound in PCM mit 24 Bit Wortbreite und 96
kHz Abtastfrequenz. Das ist eine Uebertragungsqualität an der Grenze des physikalisch
Machbaren, die pro Zeiteinheit ca. 1000 Mal soviel Information liefert wie eine CD.
Alternativ finden 35 Stunden Surroundsound in Dolby Digital Platz, auf einer
zweischichtigen DVD-9 mit ihren 8,5 GB Kapazität nahezu das Doppelte.
- Surroundsound ist vom Standard zwar nicht vorgeschrieben, gilt aber bei den
Produzenten wegen seines dramatischen Gewinns an Klang-Realismus als nahezu
selbstverständlich. DVD-A können sogar dasselbe Musikprogramm sowohl in Surroundsound
als auch eventuell mit einer ganz anderen Mikrofonaufstellung produziert - in
Stereo enthalten. Spielt man die DVD-A auf einem Gerät ab, das nur 2 Wiedergabekanäle
unterstützt, wird entweder die Stereoversion wiedergegeben oder, wenn keine solche
vorhanden ist, automatisch das Surroundsignal auf Stereo abgemischt, und zwar gemäss
Parametern, die die Tonmeister der Aufnahme für jede DVD individuell festlegen können.
- Die DVD ist ein Multimedia-Datenträger. Folglich enthält die DVD-Audio nicht nur
Töne. Alles, was heute im CD-Booklet steht, hat auf der DVD-A digital codiert Platz und
kann auf einem TV-Schirm oder Computermonitor dargestellt werden. Dazu gibt es die
Möglichkeit, Arien- oder Songtexte (auch in verschiedenen Sprachen), Partiturseiten,
Erklärungen oder Fotos einzublenden. Sogar Videoclips in voller DVD-Video-Qualität
können gezeigt werden und auch Verknüpfungen mit dem Internet sind vorgesehen, etwa, um
weiterführende Informationen oder die aktuellen Konzertdaten zu erhalten, an Wettbewerben
teilzunehmen oder Fanartikel online zu bestellen.
- Bei der DVD-Audio gibt es keine Restriktionen durch Regional-Codes, folglich kann
jede DVD-A in jedem entsprechenden Player abgespielt werden, gleichgültig, in welchem
Teil der Welt Disc oder Gerät gekauft wurden.
Im Vergleich zur CD stellt das einen so bedeutsamen Quantensprung in Qualität und
Vielseitgkeit dar, dass der DVD-A durchaus das Potenzial zu attestieren ist, die CD
abzulösen. Eine Chance, die die Hardwareindustrie unverzüglich ergriffen hat. Schon seit
Monaten bieten praktisch alle namhaften Gerätehersteller Kombiplayer an, die
sowohl DVD-Video als auch DVD-Audio und Compact Discs abspielen. Doch wo bleibt die
Software? Wie ist es zu erklären, dass es ein halbes Jahr nach der Einführung der ersten
Abspielgeräte nicht mehr als ein gutes Dutzend DVD-Audio Softwaretitel in der Schweiz zu
kaufen gibt und in den meisten CD-Fachgeschäften nicht einmal Auskunft über den neuen
Datenträger zu bekommen ist? Verschläft die Branche ihre eigene Zukunft?
Tatsächlich verhalten sich die Majors der Softwarebranche der DVD-A
gegenüber noch sehr zurückhaltend. Dies aber nicht aus Desinteresse, sondern eher aus
Unsicherheit.
Da ist einmal die Sache mit dem Kopierschutz. Nachdem ein 16-jähriger Schüler aus
Norwegen den CSS-Code (das Content Scrambling System) der
DVD-Video geknackt und im Internet veröffentlicht hatte, mussten Matsushita, Toshiba,
Intel und IBM eilig ein neues, noch raffinierteres System entwickeln, um der DVD-Audio den
bestmöglichen Schutz vor unerlaubtem Kopieren zu bieten. Denn die Grossen der
Softwareindustrie hatten schon frühzeitig klar gemacht, dass dieser Punkt für sie
wichtiger sei als jeder andere und dass sie ihre Musikprogramme erst auf DVD-A
veröffentlichen würden, wenn gewährleistet sei, dass man diese nicht so leicht und in
voller Originalqualität würde kopieren können wie das heute bei der CD der Fall ist.
Also wurde ein verbessertes Verschlüsselungsverfahren mit der Bezeichnung
CSS-2 ins Leben gerufen, das aber schon nach kurzer Zeit einen neuen Namen
bekam. Um nämlich dem System zumindest nach aussen hin das Image einer eigenständigen,
neuartigen Entwicklung zu verleihen und es vom als unsicher ins Gerede gekommenen
CSS abzusetzen, taufte man es CPPM (Copy Protection for
Prerecorded Media)
Doch die Softwareindustrie verlangte nach noch mehr Sicherheit und die soll nun ein
sogenanntes Digitales Wasserzeichen bringen. Das ist im Prinzip nichts anderes
als ein zusätzliches Geräusch auf der DVD, das so individuell wie ein Fingerabdruck
strukturiert ist und anhand dessen man mit geeigneten Gerätschaften die Provenienz und
Rechtmässikeit eines Musikprogrammes selbst bei Uebertragung in niedriger Qualität
etwa über das Internet feststellen kann. Selbstverständlich wurde die
denkbar grösste Mühe darauf verwendet, dieses Geräusch so zu konzipieren, dass es vom
Musikprogramm zuverlässig übedeckt wird und bei kritischen Pianissimo-Passagen
überhaupt ausgeschaltet bleibt, aber dennoch führte schon allein der Gedanke daran, die
potentiell extrem hohe Klangqualität der DVD-Audio durch ein Störgeräusch zu
korrumpieren, zu einem Aufschrei der Entrüstung bei High-End-Evangelisten und
Tonmeistern. Deren Besorgnis bezog weitere Nahrung aus der Tatsache, dass das jetzt zum
Standard erhobene Verfahren der Firma Verance von Leuten entwickelt wurde, die über keine
nennenswerte Audio-Reputation verfügen und schliesslich haben auch eine Reihe von
dilettantisch aufgezogenen Vorführungen und schnoddrig niedergebügelten Fragen aus
Journalisten- und Tonmeisterkreisen die verbreitete Skepsis gegenüber dem
Watermarking verstärkt. Noch immer streiten die Experten darüber, ob man das
Wasserzeichen hören kann oder nicht was immerhin darauf hin deutet, dass sein
Effekt, so er denn überhaupt hörbar ist, sich zumindest an der äussersten Grenze der
Wahrnehmbarkeit abspielt. Trotzdem befindet sich schon ein Watermark 2 in
Entwicklung über dessen Einführung im ersten Halbjahr 2001 entschieden werden soll. Bei
den Softwarefirmen dominiert die Einstellung Kopierschutz ist uns wichtiger als das
letzte Promille an Tonqualität, es könnte aber durchaus passieren, dass
Audiophilen Labels demnächst mit einem Bio-ähnlichen Aufkleber
Watermark-free werben werden, denn die Verwendung des Wasserzeichens ist nicht
Vorschrift, sondern optional.
Mag diese Unsicherheit sich auch mit der Zeit legen, so bleibt aber doch die ungleich
essentiellere, aber auch verwirrendere Frage nach dem Marktpotenzial der DVD-A. Konkret:
Wer will, wer braucht die DVD-Audio?
Auch dies ist unsicher, denn anders als vor 20 Jahren, als die CD mit einem Schlag alle
leidigen Schwachpunkte der Langspielplatte vom Tisch fegte und mit eklatanten, neuartigen
Vorteilen die Käufergunst im Sturm eroberte, kann die DVD-Audio gegenüber den
etablierten Formaten CD und DVD-Video keine spektakulären Verbesserungen ins Feld
führen, vor allem, wenn man von Stereo spricht. Freilich ermöglicht die DVD-Audio durch
den Einsatz höherer Abtastfrequenzen und grösserer Wortbreiten Stereophonie in noch
höherer Klangqualität aber der Kreis derjenigen, die diesen Unterschied
überhaupt wahrnehmen können und die zugleich bereit sind, dafür auch zu bezahlen, ist
sehr klein. Wer mit Stereo zufrieden ist, fühlt sich in aller Regel auch mit der
Klangqualität der Compact Disc ausreichend bedient, für diese Personengruppe drängt
sich der Wechsel zu DVD-Audio nicht auf.
Was die DVD-Audio hingegen für jedermann sofort erkennbar von der CD abhebt, ist ihre
Fähigkeit, Surroundsound mit 6 gleichwertigen und perfekt voneinander getrennten
Uebertragungskanälen wiederzugeben. Das ist ein spektakulärer Effekt, der einen
dramatischen und neuartigen Gewinn an Erlebnisdichte mit sich bringt aber
Surroundsound bietet auch schon die DVD-Video, die nicht zuletzt dank ihrer
Surroundfähigkeit zum schnellsten Verkaufserfolg in der Geschichte der Heimelektronik
geworden ist. Dass der hochauflösende Surroundsound der DVD-Audio das datenredzuierte
Dolby Digital oder DTS der DVD-Video klanglich um einiges übertrifft, ist zwar deutlich
zu hören, aber ob dieser qualitative Gewinn schon als Garant für einen Erfolg an der
Verkaufsfront angesehen werden kann, darf als durchaus fraglich gelten.
Vielleicht wäre es übertrieben, zu behaupten, die die DVD-Audio sitze zwischen den
Stühlen. Aber dass sie zumindest ein ernsthaftes Positionierungsproblem hat, steht ausser
Zweifel.
Doch dass es noch immer kein nennenswertes Angebot an Musikprogrammen auf DVD-A gibt, hat
nicht nur mit der Unsicherheit der Softwarefirmen hinsichtlich der Marktchancen der DVD-A
zu tun. Es kommt auch die Unlust dazu, viel Geld in ein noch unsicher erscheinendes
Projekt zu investieren. Denn die Produktion einer DVD-A ist gewaltig teurer als die einer
Compact Disc. Dies vor allem, weil die Konsumenten von der üppigen Bonus-Ausstattung der
meisten DVD-Video verwöhnt sind und eine solche nun auch von der DVD-Audio erwarten. Also
reicht es nicht, von einem Musikprogramm eine Surroundsound- und eine separate
Stereomischung herzustellen. Es müssen auch möglichst viele multimediale Informationen
über Komponisten, Interpreten, historisches Umfeld und
Produktionsbedingungen auf die Disc gebracht werden, einblendbare Arien- oder Songtexte,
eventuell Partiturseiten, Backstage-Fotos, Making-Of-Videos,
Künstlerinterviews, Internet-Links und Hörproben aus anderen DVD-A - und alles in
mehreren Sprachversionen. Ein enormer Mehraufwand.
Dass auch die physische Herstellung der DVD und deren aufwendigere Verpackung teurer sind,
hätte die Softwareindustrie eventuell noch hingenommen, aber über einen letzten
Kostenpunkt kam es zu einem unerwartet heftigen und lang andauenden Streit: Die
Firmengruppe, die das neue Verschlüsselungssystem CPPM lizensiert, hat dafür
Lizenzgebühren in einer Höhe verlangt, die die Majors für unzumutbar halten. Und da die
(amerikanischen) Rechtsanwälte beider Seiten sich nicht einigen konnten und die Grossen
der Softwarebranche sich den Forderungen nicht beugen wollten, haben diese kurzerhand
beschlossen, dann eben keine DVD-Audio zu veröffentlichen. Dutzende fertigungsreifer
Projekte wurden gestoppt und auf nicht absehbare Zeit verschoben.
Hier liegt der Grund für die gegegwärtige, groteske Situation, dass zwar fast alle
namhaften Gerätehersteller seit Monaten Abspielgeräte für DVD-Audio anbieten und dass
das Kombigerät für DVD-Video und DVD-Audio bald einmal den Normalfall darstellen wird,
dass das Interesse der Kundschaft hingegen am eklatanten Softwaremangel zu verkümmern
droht.
Doch nun ist der gordische Knoten dieser Verwicklung endlich zerschlagen. Warner, schon
bei Entwicklung und Einführung der DVD-Video der entscheidende Motor, hat kürzlich den
CPPM-Lizenzvertrag unterschrieben und wird noch vor Ostern weltweit einen Startkatalog von
15 Klassik- und 15 Popmusik-Titeln als DVD-Audio in den Handel bringen. Die Universal
Music (Decca, Deutsche Grammophon Gesellschaft, Philips etc.) hat zwar noch nicht
unterschrieben, sieht sich jetzt aber durch die Initiative von Warner dermassen unter
Druck gesetzt, dass sie wohl auch sehr bald eine Einigung anstreben wird um mit ihren
DVD-A Veröffentlichungen zeitlich nicht allzusehr ins Hintertreffen zu geraten.
Unsicherheit, auch Uninformiertheit, hohe Kosten und Lizenzstreitereien haben bisher die
Einführung der DVD-Audio auf breiter Basis behindert. Doch dies sind nur die üblichen
Anfangsschwierigkeiten, die noch jede Einführung eines neuen Systems begleitet haben und
die auch in diesem Fall in wenigen Monaten Geschichte sein werden.
Sobald geüngend attraktive Software verfügbar ist, wird sich zeigen, ob sich die
Musikliebhaber so sehr für das neue Format zu begeistern vermögen, dass sie es
längerfristig als natürlichen Nachfolger der Compact Disc als Datenträger für
hochqualitative Musikaufnahmen akzeptieren. Argumente dafür gibt es genug: Die offene
Formatarchitektur für unterschiedlichste Anwendungen, die gesteigerte Tonqualität, das
faszinierende, neue Erlebnis von Surroundsound, die weitreichende Multimediafähigkeit.
Doch auch den Plattenfirmen bietet die DVD-Audio Vorteile: Zum einen ihren hervorragenden
Schutz gegen unautorisiertes Verbreiten des Inhaltes, sei es durch direktes Kopieren, sei
es durch Uebertragung über das Internet, zum anderen aber vor allem die Chance, Tausende
älterer Mehrspuraufnahmen in neuer Surroundsound-Abmischung auf DVD-A
wiederzuveröffentlichen. Vorausgesetzt, es gelingt der traditionell konservativen
Plattenindustrie, die Konsumenten von der klanglichen Ueberlegenheit des Surroundsound zu
überzeugen, könnte diese Revitalisierung des Back-Kataloges der stagnierenden Branche
einen beträchtlichen Aufschwung verleihen. Denn wenn die Fans sich tatsächlich das
gesamte Standardrepertoire in neuem Gewande nochmals anschaffen, wie sie das vor 40 Jahren
beim Uebergang von Mono auf Stereo und vor 20 Jahren beim Erscheinen der Compact Disc
getan haben, spült das enorme Beträge in die Kassen, die dann in neue Produktionen
investiert werden können.
Verbal hat sich die überwältigende Mehrheit der internationalen Softwarefirmen bereits
für DVD-Audio ausgesprochen. Anhand der Grösse und Ueberzeugungskraft ihrer anstehenden
Informations-, Werbe- und Promotionsaktivitäten wird sich bald ablesen lassen, ob sie es
wirklich ernst meinen oder vielleicht tatsächlich ihre eigene Zukunft verschlafen.
Albrecht Gasteiner
(Leicht erweiterte Version eines Artikels für die Neue Zürcher Zeitung)