![]()
Media Expert,
Sonderausgabe zur Multimedia-Messe "Advance03"
DVD – wie geht’s weiter?
Die Einführung der DVD hat einen nie
da gewesenen Boom ausgelöst. Doch wird dieser Welterfolg eine „unendliche
Geschichte“ oder kommt schon bald wieder etwas Neues? Wie die Zukunft der DVD
aussieht, erläutert Albrecht
Gasteiner
Ein paar Zahlen zur Einstimmung: In der Schweiz hat sich der Absatz von
Home-Cinema-Systemen im letzten Jahr verdoppelt, schon mehr als 2 Drittel aller
verkauften Bild-/Tonträger waren DVDs und die Besitzer von DVD-Playern kaufen
heute 3x soviele DVDs wie VHS-Besitzer auf dem Höhepunkt der VHS-Booms bespielte
Kassetten gekauft haben.
Ein beispielloser Erfolg, keine Frage. Und um es gleich zu Anfang klar zu
machen: Es ist kein Ende des Booms in Sicht. Denn die neuesten Player kommen mit
unglaublich vielen verschiedenen Formaten zurecht, von DVD-Audio, DVD-RAM und
DVD-RW bis hin zu SACD, JPEG, MP3 und WMA. Gleichzeitig sind sie enorm günstig
geworden. Im Computer haben DVD-ROM Laufwerke längst die CD-ROM abgelöst und das
europäische Filmangebot umfasst mehr als 10.000 Titel.
Diese Popularität wird die Werbeindustrie beflügeln. Schon heute enthalten viele
Musik-DVDs Links zu Internetseiten mit aktuellen Konzertdaten und
Fanartikel-Verkauf. Aber die Verschmelzung von Unterhaltungselektronik und
Computertechnik wird weiter gehen: Demnächst wird man bei Spielfilmen auf die
dort scheinbar zufällig vorkommenden Produkte klicken und diese auf einer
verlinkten Webseite als Sonderangebot bestellen können. Und bald wird man uns
statt eines Kaufhauskataloges eine interaktive DVD mit einem Spaziergang durch
die elegantesten Einkaufspassagen von Paris ins Haus schicken. Dank der
Interaktivität werden wir beim Abspielen dirigieren, ob die Kamera sich in den
Laden links oder rechts bewegen soll, wir können uns dieses oder jenes Angebot
genauer zeigen lassen, den aktuellen Preis und die Bestellmöglichkeit gibt’s per
Internetverknüpfung.
Die DVD ist keine Videoplatte
All das funktioniert nur, weil die DVD nicht primär eine Videoplatte ist.
Sie wurde von Anbeginn als der erste wirkliche Multimedia-Datenträger
konzipiert, gleichermassen geeignet für Musik, Video, Telefonbücher, Weblinks
und alle erdenklichen Verbindungen davon. Technisch gesehen ist jede DVD, egal
welchen Inhaltes, eine DVD-ROM. Darum läuft auch jede DVD in jedem DVD-ROM
Laufwerk, dafür sorgt das gemeinsame Datenformat UDF-Bridge. Und aus diesem
Grunde gibt es nicht nur die DVD-Video.
DVD-Audio vor dem Durchbruch?
Die DVD-Audio hatte einen ungleich langsameren Start, und dies, obwohl sie
eine Klangqualität an der äussersten Grenze des physikalisch überhaupt Möglichen
bringt. Immerhin kann sie pro Zeiteinheit bis zu tausendmal soviel Information
über die Schallwelle enthalten wie eine CD. Klar, dass sich das hörbar auswirkt.
Doch sehen wir der Sache ins Auge: Allein deswegen wird sie sich nicht
durchsetzen, denn für klangliche Nuancen interessiert sich immer nur für eine
Minderheit. Noch viel wichtiger ist aus diesem Grunde der unkomprimierte
Surroundsound. Denn der schafft, für jeden augenblicklich erkennbar, ein völlig
neuartiges Musikerlebnis von einer Intensität, die jeden, aber auch wirklich
jeden schlicht umwirft. Wenn der viel missbrauchte Satz von den „neuen
Klangdimensionen“ jemals seine Berechtigung hatte, dann hier.
Aber Klang allein reicht heute nicht mehr aus. Ob wir es nun wahr haben wollen
oder nicht: Das Hifi-Zeitalter ist vorbei, heute leben wir in der
Multimedia-Epoche. Hier erwartet die junge Generation ein die Musik ergänzendes
Informations- und Unterhaltungsangebot. Und genau das bietet die DVD-A mit ihren
zahllosen Multimedia-Möglichkeiten. Da mögen die Ayatollas der reinen HiFi-Lehre
noch so verächtlich die Nase rümpfen, Tatsache ist, dass der spielerische Umgang
mit Videos, Songtexten, Bandfotos, Trailern, Interviews und Weblinks durchaus
intensivierend auf das Verständnis für die Musik und auf die emotionale Bindung
and die Musik und deren Macher wirken kann. Positiv fällt auch auf, dass einen
die DVD-A frei in Bildern, Texten und Biographien herumsurfen lässt ohne die
Musik zu unterbrechen. Das kann die DVD-Video nicht. Und weil Musik eine
universelle Weltsprache ist, gibt’s bei der DVD-A auch keine Restriktionen durch
Ländercodes.
Doch auch, wer einfach nur Musik hören möchte, ist bei der DVD-Audio an der
richtigen Adresse. Man braucht keinen Bildschirm um sie zu bedienen, nicht
einmal ein Display. Sie läuft in fast jedem DVD-Player, im Autoradio, im
Computer, im Home-Cinema und im Notebook, in Stereo und in Surround. Und auf
welchem Gerät auch immer man die Scheibe abspielt, man bekommt immer ganz
automatisch die beste Qualitätsstufe geboten, die dem jeweiligen Abspielgerät
möglich ist.
Vergleicht man die DVD-A mit ihrem Konkurrenzformat SACD, so bietet sie neben
ihrer zukunftsweisenden Multimediafähigkeit auch noch eine massiv grössere
Spieldauer, Flexibilität hinsichtlich des Aufzeichnungsformates (bis hin zu gut
60 Stunden Dolby Digital Surroundsound, was für Hintergrundmusik weiss Gott mehr
als gut genug ist), sie lässt sich auch auf Computerlaufwerken abspielen, man
kann DVD-A auch selber aufnehmen – und schliesslich stehen als Abspielbasis
weltweit mehr als 130 Millionen Player bereit sowie noch einmal mindestens so
viele DVD-ROM Laufwerke. Um auch die allerhöchste Qualitätsstufe der DVD-A
hörbar zu machen, stellen mehr als 30 Firmen DVD-Audio Abspielgeräte her,
darunter High-End Marken wie Linn, Lexicon und Meridian. Insgesamt sind gut 50
verschiedene Modelle erhältlich, bis zum Ende dieses Jahres sollen es 100 werden.
DVD zum Aufnehmen
Dass man auf DVDs auch selber aufnehmen kann, eröffnet dem Format nicht nur
beträchtliche Karrierechancen als DAT- und CD-R-Nachfolger mit Supersound und
Surroundfähigkeit. Vor allem ist die DVD mit aller Macht dabei, die klapprige
VHS-Kassette zu verdrängen und sich als neuer Weltstandard für Videorecorder zu
etablieren. Man stelle sich vor: Im Frühjahr 2003 war in Japan bereits jedes 3.
verkaufte DVD-Gerät ein DVD-Recorder! Und die Marktforscher erwarten, dass schon
im übernächsten Jahr weltweit mehr Geld für DVD-Recorder ausgegeben werden wird
als für DVD-Player.
Diese Zahlen mögen spektakulär erscheinen, verwunderlich sind sie keineswegs.
Denn im Vergleich zur fast 30 Jahre alten VHS-Kassette springt sofort die
phänomenale Bildqualität der DVD-Aufnahme ins Auge. Absolut kein Bandrauschen,
perfekte Schärfe, saubere Farben, klare Konturen, kein Zittern, ein Standbild
wie ein Dia - so etwas kannte man bisher nur von den unbezahlbaren
Supermaschinen in professionellen Studios. Hinzu kommt alles an
Bedienungskomfort und Langlebigkeit, was schon die „normale“ DVD so erfolgreich
gemacht hat, sowie beim erfolgreichsten Aufnahmemedium (DVD-RAM) die
einzigartige Möglichkeit, beliebig in einer noch laufenden Aufzeichnung
herumzusurfen.
Diese Faktoren machen die DVD auch zu einem idealen Aufzeichnungsmedium für
Camcorder. Ein DVD-Laufwerk ist bedeutend kleiner, simpler und robuster als die
heikle Mechanik eines DV-Bandlaufwerkes, man kann die Platte herausnehmen und
sie sofort auf einem geeigneten DVD-Player abspielen. Und wer auf DVD-RAM
aufnimmt, erhält so weitgehende Bearbeitungsmöglichkeiten, dass er im Urlaub an
einem Regentag im Hotel seine Videoaufnahmen perfekt schneiden und mit dem
fertigen Ferienvideo nach Hause kommen kann.
Ob der Recorder daheim auf DVD-RAM, DVD-RW oder DVD+RW aufnimmt, wird immer
weniger wichtig, denn die Zukunft gehört den Recordern, die zusätzlich noch eine
Harddisk eingebaut haben. In Japan beherrschen solche Geräte schon den grössten
Teil des Marktes und auch bei uns erfreut sich diese enorm praktische Verbindung
von Computertechnik und Heimelektronik immer grösserer Beliebtheit. Auf der
Harddisk haben jede Menge aufgenommener Fernsehsendungen Platz, dort kann man
bequem die Werbespots herausschneiden oder sogar Szenen umstellen – und was man
wirklich behalten oder weitergeben möchte, überspielt man innerhalb des Gerätes
auf eine DVD-R oder DVD+R. Diese einmal zu bespielenden DVDs bieten zwei
unschlagbare Vorteile: Erstens sind es die mit Abstand preisgünstigsten
DVD-Varianten und zweitens lassen sie sich auf nahezu jedem normalen DVD-Player
abspielen.
Unter diesen Voraussetzungen werden die viel teureren mehrfach bespielbaren DVDs
kaum noch gebraucht und somit wird sich die heute auf diesem Sektor noch
existierende Systemstreiterei demnächst wohl still und unauffällig zugunsten
dessen erledigen, was im Computer schon seit Jahren den allseits befriedigenden
Normalzustand kennzeichnet: Für das Bearbeiten grosser Datenmengen ist die
Harddisk da, zum Archivieren oder Weitergeben die CD-R, wenn’s um Video geht,
die DVD-R oder DVD+R.
Und was kommt nach der DVD?
Klipp und klar: Sehr lange gar nichts. Denn die DVD befindet sich heute erst
am Anfang ihrer Entwicklungsfähigkeit und sozusagen in der Primarschul-Phase
ihres Lebenszyklus. Allerdings werden wir schon bald Erweiterungen des
DVD-Standards sehen, die die DVD-Familie um weitere Mitglieder ergänzen werden.
Anlass dafür ist das hochauflösende Fernsehen HDTV.
Das gibt es zwar vorläufig nur in Japan und den USA, aber für die enormen
Datenmengen von HDTV entwickelt man allerorten DVD-Systeme mit nochmals deutlich
erhöhter Speicherkapazität.
Und wie immer gibt es auch in diesem Fall
verschiedene Vorschläge, wie auf einer 12 cm grossen Scheibe die 5-fache
Datenmenge einer DVD unterzubringen wäre. Das bekannteste Verfahren ist die „Blu-ray
Disc“, auf die sich Hitachi, LG Electronics, Matsushita, Mitsubishi, Pioneer,
Philips, Samsung, Sharp, Sony und Thomson geeinigt haben. Hier schreibt ein
„Blauer Laser“ mit 405 nm Wellenlänge bei einer Lineargeschwindigkeit von 4,9
Metern/sec. und einer Datenrate von 36 MBit/sec. winzige Pits in eine
Phase-Change-Schicht. Damit erreicht man ca. 27 GB Speicherkapazität auf einer
einseitigen, einschichtigen und ca. 50 GB auf einer einseitigen, zweischichtigen
Disc. Dass der Schutzlack über den Informationen nur 0,1 mm dick ist
(DVD:0,6mm), führt zu sehr grosser Empfindlichkeit gegenüber Fingerabdrücken
oder Kratzern, sodass es diese Platten ausschliesslich in schützenden
„Cartridges“, ähnlich der DVD-RAM, geben wird.
Angesichts der geballten Marktmacht der beteiligten Firmen hat die Blu-ray Disc
gute Chancen, sich als De-Facto-Standard für hochauflösende Programme zu
etablieren. Dies umsomehr, als man mittlerweile davon abgekommen ist, das Format
ausschliesslich zu Aufnahmezwecken einzusetzen. Heute ist klar: Es wird auch
vorbespielte Blu-ray Discs mit Spielfilmen in High-Definition Qualität zu kaufen
geben, wann das sein wird, ist allerdings völlig offen.
Aber auch andere Formatvorschläge haben gute Argumente vorzuweisen. Toshiba und
NEC zum Beispiel betonen, dass man ihre AOD (Advanced Opticsal Disc) auf
den bereits bestehen den DVD-Fertigungsanlagen fabrizieren könne. Anders als bei
der DVD sind hier nur die Pitgrösse und der Blaue Laser. Als Speicherkapazität
werden bei den fabrikgepressten AODs 15 GB für die einseitige, einschichtige
Version und 30 GB für die einseitige, zweischichtige Variante angegeben, für
wiederbespielbare Platten sind 20 GB bzw. 40 GB vorgesehen. Die gegenüber
Blu-ray etwas geringere Kapazität soll mit einer höheren Daten-Kompressionsrate
und mit der Möglichkeit, auf Wunsch auch eine Hochqualitäts-Variante von MPEG-4
einzusetzen, aufgewogen werden.
HDTV
Nicht nur mit blauem Laser
Toshiba hat sogar
noch einen zweiten Pfeil im Köcher, sogar ohne den teuren Blauen Laser. HD/DVD-9
heisst das System. Es verwendet die bekannte und preisgünstige DVD-9 mit 8,5 GB
Speicherkapazität auf einer einseitigen, doppelschichtigen DVD und einen
normalen, roten Laser. Anstelle der herkömmlichen MPEG-2-Kompression wird aber
Hochqualitäts-MPEG-4 eingesetzt. Bei einer Datenrate von 7 Mbit/sec. und der
höheren Kompressions-Effizienz von MPEG-4 soll diese Platte mit 135 Minuten
gleichlange Videos speichern können wie die heutige DVD-Video, aber in
High-Definition Qualität mit 1920 x 1080 progressive-scan Auflösung. Dabei gibt
es noch Platz für Surroundsound, nicht aber für extra features. Nach den
Vorstellungen von Toshiba und Warner soll die Möglichkeit, solche HD/DVD-9 Discs
abzuspielen, in die kommenden BluRay Geräte eingebaut werden. Diese müssen ja,
um auch normale DVDs abspielen zu können, ohnehin auch mit einem roten Laser
ausgerüstet sein, folglich bräuchte man dort nur noch den MPEG-4 Decoder
einzubauen.
Und schliesslich sollte man die Europäer nicht unterschätzen: Philips hat die
HD/DVD-9 Idee weitergedacht und will die neuen HD-Platten so konzipieren, dass
sie sogar auch auf derzeitigen DVD-Playern abgespielt werden können. Allerdings
ist nicht klar, wie ein MPEG-4 Datenstrom von einem MPEG-2 Decoder entschlüsselt
werden soll. Dafür bringt Philips aber den Vorschlag ins Spiel, zwei Datenströme
auf einer Disc unterzubringen. Einen Basis-Datenstrom nämlich in MPEG-2 und dazu
einen zweiten, der nur die Differenz zwischen dem Standard-Definition Signal und
dem High-Definition Signal, codiert in MPEG-4, enthält. Diese beiden Datenströme
könnten auf der Platte so ineinander verschachtelt untergebracht werden, dass
derzeitige Player den Basis-Datenstrom lesen könnten während neue Player mit
MPEG-4 Decoder beide Datenströme lesen und daraus das High-Definition Signal
herstellen könnten. Sollte dieses Konzept Realität werden, könnte es einen
sanften Uebergang von Standard Definition auf High Definition ermöglichen.
Und die Moral von der Geschicht’?
In Europa gibt es noch kein hochauflösendes
Fernsehen, also drängt sich eine Einführung von HDTV-Videorecordern hier nicht
auf. Auf absehbare Zeit hinaus wird man solche Geräte in Europa folglich
höchstens im Bereich professioneller Grossprojektion einsetzen, etwa bei
Produktpräsentationen oder auf Messen. Wir können demnach beruhigt zuwarten, bis
sich das eine oder andere Format etabliert haben wird. Doch welches auch immer
das Rennen machen wird: Es wird kein Nachfolger für die DVD sein, sondern nur
eine Erweiterung der DVD-Familie für Leute, die sich High Definition Video
leisten können. Sozusagen die Super-Turbo-GT-High-End-DVD für HDTV.
Albrecht Gasteiner