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Der Bund,
Februar 2003
Ritter gegen klapprige Videokassetten
Herr Gasteiner, die DVD wird oft als «CD des neuen Jahrhunderts» angepriesen.
Was bietet sie denn mehr als die herkömmliche CD?
Vor allem mehr Speicherkapazität und mehr Vielseitigkeit. Man
kann DVDs in vier verschiedenen Kapazitätsvarianten herstellen, vom 7-fachen
einer CD bis hin zum 26-fachen (Abb. 1), und was die Vielseitigkeit angeht, so
ist es ganz wichtig, festzuhalten, dass DVD nicht „Digital Video Disc“ heisst,
sondern „Digital Versatile Disc“, also „vielseitige Platte“. So gibt es eben
nicht nur die DVD-Video, sondern eine ganze Familie von DVDs (Abb 2). Und weil
die DVD von Anfang an als Multimedia-Datenträger konzipiert worden ist, passen
alle diese „Duftnoten“ wunderbar zusammen. Ganz egal, ob Video oder Audio,
Telefonbücher, Strassenkarten, Spiele oder irgendeine Kombination davon, auf der
DVD kann man erstmals alles unterbringen. Denn technisch gesehen ist jede DVD
eine DVD-ROM. Das führt nebenbei dazu, dass man jede DVD in jedem
DVD-ROM-Laufwerk im Computer abspielen kann.
Sprechen wir
zunächst einmal über Video: Was sind die Unterschiede zwischen DVD und VHS?
Also ehrlich: Gegenüber der klapprigen, nervigen Kassette mit
ihren unscharfen Bildern, blassen Farben, unruhigem Bildstand, jaulendem Ton,
ewigen Umspulzeiten und drohendem Bandsalat stellt die DVD geradezu eine
Erlösung dar, und zwar sowohl wegen ihrer Qualität als auch dank ihres
Bedienungskomforts. Sie bietet phänomenale Bildqualität und digitalen
Surroundsound, selbst bei stundenlangem Standbildbetrieb nützt sie sich nicht
ab, jede beliebige Stelle kann in Sekundenschnelle angesprungen werden, man kann
meistens zwischen verschiedenen Sprachversionen wählen und bis zu 32 Untertitel
einblenden. Häufig wird Bonusmaterial geboten wie „Making of“,
Künstlerinterviews, Hintergrundberichte, oder Alternativversionen. Die
Multimediamöglichkeiten der DVD ermöglichen aber auch ganz neuartige
Spezialitäten: Man kann direkt aus dem Film heraus auf bestimmte Internetseiten
zugreifen, auf den es dann eventuell Zusatzinformationen, Wettbewerbe oder
Fanartikel gibt, man kann bei bestimmten Programmen selber wählen, welche
Kameraperspektive man bevorzugt, gelegentlich kann man, wenn man nur die Musik
geniessen will, die Dialoge abschalten oder man kann während des gesamten Films
Live-Kommentare des Regisseurs hören. Sogar in den Ablauf der Handlung kann man
eingreifen, etwa bei Action- oder Erotikfilmen verschiedene „Härtegrade“
einstellen oder sich je nach momentaner Stimmungslage aussuchen, ob ein
Liebesfilm ein Happy End haben oder tragisch enden soll. All dies ist natürlich
nicht auf jeder DVD vorhanden, aber die Technik stellt die Möglichkeiten zur
Verfügung und oft werden diese von den Produzenten auch genutzt.
Wie
funktioniert das eigentlich genau mit diesen verschiedenen Code-Zonen bei den
Kauf-DVD?
Die
amerikanische Filmindustrie hat die DVD-Welt in 6 verschiedene Regionen
eingeteilt. (Abb. 3) DVDs können (müssen aber nicht, das steht dem Produzenten
frei) einen Code enthalten, der zur Folge hat, dass sie nur abgespielt werden
können, wenn sie und das Abspielgerät denselben Regional-Code tragen. Das gibt
den Hollywood-Studios die Kontrolle darüber in die Hand, wann und in welcher
Version (Schnitt, Ton, Untertitel) ein Film auf den Markt kommt. Europa hat den
Regional-Code 2, zusammen mit Japan und Südafrika. Eine in den USA gekaufte und
nur für den USA-Markt bestimmte DVD (Mit Regional-Code 1) lässt sich demnach auf
einem in Europa gekauften DVD-Player nicht abspielen. Die meisten Geräte lassen
sich zwar so modifizieren, dass sie’s trotzdem tun, man muss aber wissen, dass
dadurch die Herstellergarantie verloren geht und es keine Sicherheit gibt, dass
dann wirklich alle DVD störungsfrei laufen.
Der letzte
Schrei sind DVD-Videorecorder. Macht es von der Qualität her überhaupt Sinn,
TV-Sendungen mit einem DVD-Recorder aufzunehmen? Ist die Qualität überhaupt
besser als bei VHS?
Alles, was ich
vorher über Qualität und Bedienungskomfort der DVD allgemein gesagt habe, gilt
auch für den DVD-Videorecorder. Sie erleben also auch da einen gewaltigen Sprung
nach vorne. Ich garantiere Ihnen: Wenn Sie das einmal erlebt haben, werden Sie
keine VHS-Kassette mehr in die Hand nehmen wollen.
Wann einigt
sich die Branche auf einen Aufnahme-Standard, so dass man ein DVD-Gerät kaufen
kann, ohne Gefahr zu laufen, nach drei Jahren ein neues anschaffen zu müssen?
Die
Hersteller der verschiedenen Systeme sind Konkurrenten, da versucht jeder, seine
eigene Entwicklung durchzusetzen. Von dieser Seite kann also keine Einigung
erwartet werden. Die ist aber nach meinem Dafürhalten auch gar nicht nötig. Denn
weil die DVD für Computer, für Audio und für Video eingesetzt werden kann, soll
auch jeder die Möglichkeit haben, sich je nachdem auch das für ihn geeignetste
Aufnahmeformat auszusuchen. Wenn Sie in Rechnung stellen, dass es derzeit mit
VHS, VHS-C, S-VHS, S-VHS-C, Video-8 und Hi-8 allein für analoge
Videoaufzeichnung nicht weniger als 6 verschiedene Formate gibt und zu diesen
noch die diversen digitalen Formate dazukommen, haben wir es in der DVD-Welt
sogar zu einer Vereinfachung gebracht. Aber letztlich wird die Frage danach, wie
viele Aufnahmeformate die DVD-Welt braucht, ganz demokratisch per
Volksabstimmung an der Ladenkasse entschieden werden. Für Computer- und
Audioanwendungen sowie für professionelle Videostudios werden da sicher
wiederbeschreibbare DVDs im Vordergrund stehen, als Ersatz für den häuslichen
VHS-Recorder ist aber die Kombination von Harddisk und DVD-R unschlagbar: Ob
Spielfilme vom Fernsehen oder die eigenen Urlaubsvideos vom Camcorder, man nimmt
alles zunächst auf der Harddisk mit ihrer enormen Speicherkapazität auf. Dort
kann man die Programme bequem bearbeiten, also Werbespots herausschneiden oder
Szenen umstellen, und was man definitiv behalten oder weitergeben möchte,
überspielt man letztlich innerhalb des Gerätes auf eine DVD-R. Die bietet zwei
entscheidende Vorteile: Erstens ist sie ungeheuer preisgünstig und zweitens
lässt sie sich auf praktisch jedem gewöhnlichen DVD-Player abspielen. Was
braucht man mehr?
Die so
genannten «Blu-ray Discs» gelten als heisse Anwärter auf den DVD-Thron. In Japan
werden diese DVD-Recorder mit noch grösseren Speicherkapazitäten bald Marktreife
erreichen.
Wie lange wird es
dauern, bis solche Discs auch bei uns auf den Markt gelangen?
Blu-ray ist
die logische Weiterentwicklung der DVD mit noch grösserer Speicherkapazität.
Die braucht man für das hochauflösende Fernsehen, das es aber nur in Japan und
den USA gibt. Da wir in Europa High-Definition-TV in absehbarer Zeit nicht
bekommen werden, drängt sich eine Einführung von Blu-ray hier nicht auf.
Höchstens im Bereich professioneller Grossprojektion, etwa bei
Produktpräsentationen oder auf Messen, wird man Blu-ray einsetzen. Das ist also
kein Nachfolger für die DVD, sondern sozusagen die Super-Turbo-GT-High-End-DVD
für HDTV.
In nur sechs
Jahren hat der DVD-Player seinen Weg in die Hälfte der rund hundert Millionen
Haushalte in den USA gefunden – und so dem Heimkino zum Durchbruch verholfen.
Wie erklären Sie sich diesen Siegeszug: Liegt es an besonders guten Vertriebs-
und Marketingstrukturen oder an der Qualität des Produkts?
Vertrieb und Marketing sind genau gleich wie für andere Produkte,
das kann’s also nicht sein. Dass die DVD der schnellste und dramatischste
Erfolg in der Geschichte der Heimelektronik geworden ist, liegt eindeutig in den
Qualitäten des Systems begründet. Sehen Sie, die Industrie bringt jedes Jahr
eine Menge neuer Entwicklungen auf den Markt und die Marketingleute werden nicht
müde, uns jedes Mal mit blumiger Werbepoesie und verschwenderischen Superlativen
einzureden, dass die Welt genau darauf gewartet habe und wir das nun unbedingt
haben müssten. Trotzdem kaufen wir das nicht alles, weil wir kritisch und
zurückhaltend geworden sind. Doch die DVD musste nicht mit Gewalt in den Markt
gedrückt werden, sie ist ganz offensichtlich auf ein weit verbreitetes
Kundenbedürfnis gestossen. Die Leute haben ganz schnell den spektakulären
Zugewinn an Qualität, an Spass, an Vielseitigkeit und an Zukunftssicherheit
erkannt, sie haben gesehen, dass das ein Weltstandard ist und dass alle
bedeutenden Hardware- und Softwarehersteller dahinter stehen. Das hat den Erfolg
gebracht.
Die Welt des
Films wird mehr und mehr digital und auf den Heimmarkt ausgerichtet. Ist die DVD
die Vorbotin des Endes des Kinos? Oder wenigstens der 35-mm-Filme?
Die DVD ist ebenso wenig die Totengräberin des Kinos wie die CD
zur Totengräberin von Live-Konzerten geworden ist. Das enorme Interesse an der
DVD-Video hat eher zu einer allgemeinen Steigerung des Interesses an der
Glitzerwelt des Films geführt. Allerdings werden Filme in den Kinos in Zukunft
wohl weniger von treuren und kratzempfindlichen 35-mm Filmen projiziert werden,
sondern von hochauflösenden DVDs.
Eine
Anschlussfrage: Haben «kleine» Filmproduktionen eine Chance, in
DVD-Vertriebskanäle zu gelangen?
Dieselbe Frage hat man auch vor 20 Jahren bei der Einführung der
CD gestellt. Und wir kennen die Antwort: Heute gibt es alles auf CD. Dasselbe
gilt für die DVD. Zuerst sind nur die grossen Kassenschlager auf DVD erschienen,
heute gibt es mehr und mehr auch Nischenprodukte, wie zum Beispiel „Demokrat
Läppli“, „Flug über die Schweiz“, „Total Birgit“ oder eine soeben erschienene
Dokumentation über das legendäre Klausenrennen
Welche Vorzüge
bietet die DVD für die Computertechnologie? Werden die heutigen CD-ROM-Laufwerke
durch DVD-ROM-Player abgelöst?
Diese Ablösung ist längst vollzogen. Hitachi, Yamaha und andere
haben schon vor einiger Zeit die Produktion von CD-ROM Laufwerken eingestellt
und stellen nur noch DVD-ROM Player her. Das ist auch logisch, denn im Computer
geht’s heute um Speicherplatz und Multimediafähigkeit und ausserdem spielen die
DVD-ROM Player ja auch alle bisherigen CD-Formate ab. Solche Player sind in
modernen Computern heute eine Selbstverständlichkeit.
DVD-Audio wird
bereits als Nachfolgerin der CD gehandelt. Müssen wir bald von der uns lieb
gewordenen Musik-CD Abschied nehmen?
Wenn Sie auch nur ein einziges Mal den mitreissenden
Surroundsound einer DVD-A erlebt haben, werden Sie das mit Vergnügen tun. Denn
die DVD-A kann pro Zeiteinheit bis zu 1000 Mal soviel Information transportieren
wie eine CD. Das ergibt ein ganz anderes Niveau von Klarheit und Natürlichkeit.
Hinzu kommt, dass wir nicht mehr in der HiFi-Epoche leben sondern im
Multimedia-Zeitalter. Also kann die DVD-Audio auch Bilder, Songtexte,
Partiturseiten und Videoclips zeigen. Im weiteren ist das System so flexibel,
dass es Musik in den verschiedensten Qualitätsstufen wiedergeben kann, also zum
Beispiel auch 35 Stunden Surroundsound in Dolby Digital. Ausserdem gibt es hier
keine Ländercodes. Aber wir müssen realistisch sein: Die DVD-Audio wird sich
nicht halb so schnell durchsetzen wie wir das bei der DVD-Video erlebt haben.
Dazu ist einfach noch nicht genug attraktive Software auf dem Markt.
Stichwort
«Urheberrecht»: Fördert DVD als höchst leistungsfähiges Multimedia-Trägermedium
nicht das Anlegen und Verbreiten von Raubkopien?
Im Gegenteil, denn sowohl DVD-Video als auch DVD-Audio verfügen
über einen überaus robusten Schutz gegen unerlaubtes Kopieren. Man wird zwar von
reisserisch aufgemachten Artikeln bombardiert, die vollmundig versprechen: „So
kopieren Sie jede DVD!“. Doch wenn man sich die Mühe macht, die Sache genau zu
lesen, findet man heraus, dass das Verfahren irrsinnig kompliziert und
störungsanfällig ist, dass es viele Stunden konzentrierter und qualifizierter
Computerarbeit verlangt – und dass man auf dem mühevoll erarbeiteten Ergebnis
nur einen Teil des DVD-Inhaltes wieder findet, und auch den nur in massiv
verschlechterter Qualität. Abgesehen davon: Dass man mit einem Küchenmesser auch
Schwiegermütter meucheln kann, spricht nicht unbedingt gegen die Qualität des
Messers……
Sie
haben das DVD-Forum mitbegründet, das sich als firmen- und
interessenübergreifende Informationsplattform versteht, sind eigentlich
hauptberuflich aber als Produzent von klassischer Musik tätig. Was ist Ihre
Motivation, sich für das neue Trägermedium zu engagieren?
Neugier und Begeisterung. Sehen Sie, ich habe mich schon immer
frühzeitig für zukunftsweisende Entwicklungen eingesetzt, die eine wirkliche
Verbesserung mit sich gebracht haben. Meinen ersten Vortrag über Surroundsound
habe ich im Oktober 1970 gehalten, ab 1973 waren Surroundaufnahmen von mir im
Handel. Damals haben mich die meisten für einen Spinner gehalten – und dieselben
Leute nennen mich heute einen Pionier. 1979 habe ich dann die ersten digitalen
Tonaufnahmen der Schweiz gemacht und 1981 meinen ersten CD-Player aus Japan
mitgebracht. Damit war ich der erste, der diese neue Technik am Schweizer
Fernsehen vorgeführt hat. Da ich mir also angewöhnt hatte, immer an der Spitze
der wirklich bedeutenden Entwicklungen mitzuarbeiten, war es nur folgerichtig,
dass ich mich, als ich 1996 gesehen habe, was das für ein toller
Multimedia-Datenträger auf uns zukommt, mit Begeisterung in das Abenteuer
gestürzt habe, diese eierlegende Wollmilchsau auch populär zu machen. Denn eines
müssen wir klar sehen: Die grandiose Vielseitigkeit der DVD führt auch zu einem
enormen Informationsbedarf. Nicht nur bei Konsumenten, ebenso auch bei den
Importeuren, beim Handel und bei Journalisten. Das DVD-Forum Schweiz bietet seit
fast 6 Jahren diese Information und es liefert damit die Basis für den grossen
Erfolg der DVD in der Schweiz: Nirgendwo in Europa werden mehr DVDs und
DVD-Geräte verkauft als bei uns. Die Internetseite
www.dvd-forum.ch ist die angesehenste und meistbesuchte
DVD-Informationsquelle der Schweiz und international eine einzigartige
Einrichtung, weil hier nichts verkauft wird und es keine Werbung gibt. Man
bekommt also keine penetrante Indoktrination im Stil von „Kaufen Sie das, kaufen
Sie jenes“, dafür aber tonnenweise wirklich nützliche Information. Seriös,
wissenschaftlich abgesichert und buchstäblich jeden Tag aktualisiert. Damit ist
das DVD-Forum Schweiz für niemanden eine Konkurrenz, wohl aber für jeden eine
Hilfe.