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CE-Markt, Dezember 2004
Sturmwarnung in Japan
PDF-Version des Artikels mit Bildern:
1. Teil
2. Teil
Die diesjährige CEATEC in Tokyo stand ganz im Zeichen des unvermeidlich
scheinenden Formatkrieges zwischen der Blu-ray Disc und der HD-DVD. Doch es gab
auch andere Attraktionen.
Kurz und bündig: Es ist zum Haareraufen. Da geniesst man die begeisternde
Brillanz und Schärfe der herrlichen Bilder im hochauflösenden HDTV-Format und
freut sich über den grössten Fortschritt in der Videoqualität seit 50 Jahren –
und gleichzeitig muss man mit ansehen, wie die Industrie dabei ist, den Markt
für dieses zukunftsweisende System schon im Moment seines Entstehens abzuwürgen.
Worum geht es?
Nach vorsichtigem Beginn mit einem einzigen Sender in Belgien wird das
hochauflösende Digitalfernsehen nächstes Jahr mit Stationen wie Première, Pro7
oder RTL auch in Europa stark an Bedeutung gewinnen. Sogar das Schweizer
Fernsehen hat kürzlich einen grossen HDTV-Uebertragungswagen in Auftrag gegeben.
Klar, dass man parallel dazu auch Videorecorder entwickelt, die mit den grossen
HDTV-Datenmengen fertig werden. Und natürlich soll man auch Filme in
hochauflösender Qualität kaufen können, das ideale „Futter“ für Plasma- und LCD-
Bildschirme sowie für Heimkino-Projektoren, die ja mit der heutigen PAL
Bildqualität gar nicht ausgelastet sind.
Nun ist es normal, dass viele Firmen HDTV-Geräte entwickeln, es ist klar, dass
verschiedene Entwickler unterschiedliche Verfahren vorschlagen und man versteht
auch, dass jedes Unternehmen im definitiven Format möglichst viele seiner
eigenen Patente unterbringen möchte weil dadurch viele Jahre lang Lizenzgebühren
fliessen. Das war schon so als man die CD entwickelt hat und bei der DVD war es
nicht anders. Im Vorfeld hat man gestritten, gekämpft und gerungen – und sich
letztlich auf einen Kompromiss geeinigt, der zum Weltstandard erhoben wurde und
sich alsbald zum Welterfolg gemausert hat. Doch jetzt, wo es um die Zukunft des
Videomarktes geht, scheint die Kompromissfähigkeit der grossen Elektronikfirmen
einer kriegerischen „Er oder ich“-Einstellung Platz gemacht zu haben, wie in
einem Wildwestfilm. An der weltweit bedeutenden Fachmesse CEATEC in Tokyo
standen sich jedenfalls zwei konkurrierende Lager in sturer Unversöhnlichkeit
gegenüber – alle Zeichen stehen auf Sturm.
Da ist auf der einen Seite das Blu-ray System. Das gibt es in Japan schon seit
anderthalb Jahren zu kaufen, allerdings nur als HDTV-Videorecorder. Dieser ist
von stark eingeschränktem Nutzen, denn auf diesen Geräten kann man keine
fabrikgepressten HDTV-Filme abspielen. Wie ist das möglich? Ganz einfach, weil
der Standard dafür bis heute noch gar nicht festgelegt ist. Die digitalen
Informationen liegen bei dieser High-Tech Platte nur einen Zehntelmillimeter
unter der Oberfläche, sodass sie noch viel empfindlicher auf Beschädigungen
reagiert als die heutige DVD. Aus diesem Grunde werden die Discs generell in
einer Cartridge geschützt. Leute mit Computererfahrung wissen das zu schätzen,
aber in der klassischen Unterhaltungselektronik gibt es eine verbreitete
Aversion gegenüber Cartridges, sogar gegenüber den ganz neuen, die die
Labelseite der Disc freigeben und schon fast nicht mehr wie eine Cartridge
aussehen. Dieses Problem will TDK nun mit einem extrem widerstandsfähigen
Schutzlack lösen. Dieser soll jede Cartridge überflüssig machen und sogar die
Behandlung mit Stahlwolle überstehen. Doch gegen Fingerabdrücke hilft keine
Schutzschicht.
Auf der anderen Seite der Kampfarena steht die HD-DVD. Sie arbeitet ebenfalls
mit dem Blauen Laser, offeriert etwas weniger Speicherplatz, punktet aber mit
ihrer nahen Verwandtschaft zur DVD. Das bedeutet, dass sie einfacher und
preisgünstiger zu fertigen ist und vor allem, dass man sie problemlos auf den
bereits vorhandenen Fabrikationsmaschinen produzieren kann. Ausserdem glaubt
man, bei dieser Technik ohne die weitherum unbeliebte Cartridge auszukommen. Ins
Gewicht fällt auch, dass bei der HD-DVD der Standard für fabrikgepresste
HDTV-Filme schon verabschiedet ist. Obwohl man dieses System noch nicht kaufen
kann, liegt es hier also zunächst einmal vorne.
Wer mit wem
Wie sehen nun die Marktchancen der beiden Systeme aus? Da scheint die Sache auf
den ersten Blick schon klar zu sein: Blu-ray wird von fast allen Firmen
unterstützt, die in der Heimelektronik Rang und Namen haben: Philips, Sony,
Panasonic, Samsung, Hitachi, JVC, Sharp, Dell, HP und etliche andere machen sich
für dieses Format stark. Die HD-DVD auf der anderen Seite hat zwar das weltweite
DVD-Forum hinter sich, aktiv für das Format engagiert haben sich bisher aber
erst Toshiba, NEC, Microsoft und Sanyo.
Doch dieser Kampf wird nicht in Tokyo oder Osaka entschieden, sondern in
Hollywood. Denn es ist ja klar, dass nur diejenigen Abspielgeräte Erfolg haben
werden, für die es auch attraktive Software zu kaufen geben wird. Und da gelten
Disney, Universal, Paramount und Warner als HD-DVD-Sympathisanten.
Stehen wir also vor einer ausweglosen Patt-Situation? Das müsste nicht sein,
denn in wesentlichen technischen Details sind die beiden Formate sehr ähnlich
und oft sogar identisch, sodass unter technischen Gesichtspunkten eine Einigung
durchaus möglich wäre. Doch schon am ersten Tag der CEATEC verkündete Sony
kategorisch, eine Einigung komme überhaupt nicht in Betracht und wenig später
konterte Toshiba mit der Ankündigung der ersten HD-DVD-Player für Heimanwendung
und auch für Computer für den nächsten Herbst.
Und so sieht es nun ganz danach aus, als müsse es unausweichlich zu einer
Neuauflage eines Systemstreits kommen, wie wir ihn erst kürzlich zwischen SA-CD
und DVD-A erlebt haben. Dessen Ergebnis ist allerdings bekannt: Weil die
Konsumenten keine Lust haben, sich mit zwei inkompatiblen Formaten für denselben
Anwendungsbereich herumzuschlagen, kaufen sie keines von beiden. Die nächsten
Monate werden zeigen, ob die Hardware-Industrie bereit sein wird, doch noch aus
diesem eklatanten Misserfolg zu lernen.
Neue Bildschirme
Doch auch positive Ueberraschungen hatte die CEATEC bereit: Zum Beispiel ganz
neuartige Flachbildschirme. Sie heissen SED für „Surface Conduction Electron
Emitter Display“, kommen von einer Arbeitsgemeinschaft von Canon und Toshiba und
sollen die Vorzüge der Braun’schen Kathodenstrahlröhre mit denen von
Flachbildschirmen verbinden. So wie dort wird auch hier Phosphor von einem
Kathodenstrahl zum Leuchten gebracht. Aber nicht von einem einzigen, der über
den gesamten Bildschirm geführt wird. Jeder einzelne Bildpunkt hat seinen
eigenen Kathodenstrahl. Der muss nicht abgelenkt werden, der Bildaufbau
geschieht ungleich schneller und das Display kann sehr flach gebaut werden. Sein
Kontrastverhältnis von 8.600 : 1 sowie optimale Werte für Farbtreue und weckten
bei den Vorführungen der ersten Prototypen schöne Hoffnungen, allerdings wird
man auf die Serienproduktion noch etwas warten müssen. Im nächsten Herbst soll
die erste Kleinserie starten, die Massenproduktion noch ein weiteres Jahr
später.
LCD und Plasma sind mittlerweile etablierte Techniken für Flachbildschirme,
allerdings macht LCD derzeit einiges an Boden gut: Während es lange Zeit hiess
„Bis 36 Zoll Bilddiagonale LCD, darüber Plasma“, trumpfte Sharp an der CEATEC
mit LCD-Bildschirmen in der Weltrekordgrösse von stolzen 65 Zoll auf. Zwar waren
weder ein Einführungstermin noch eine Preisvorstellung zu erfahren, aber es ist
klar, dass die LCD-Fraktion entschlossen ist, auch die grösseren Formate zu
erobern.
Speicherkarten-Entwicklung
Während im letzten Jahr noch Memory-Stick und SD-Card mit eigenen
Promotionsständen um die Publikumsgunst wetteiferten, war diesmal nur die
SD-Card mit einem eigenen Stand vertreten. Dort wurden gleich zwei
Weiterentwicklungen des Systems vorgestellt. Da ist einerseits die bereits
erhältliche Mini-SD-Card, die den alten Kalauer zu bestätigen scheint, in den
Genen der Japaner sei der unwiderstehliche Trieb angelegt, jede neue Erfindung,
und sei sie auch noch so klein, sofort einem rigorosen Verkleinerungsprogramm zu
unterwerfen. Andererseits wird sich die SD-Card eine Fülle neuer
Anwendungsbereiche erschliessen: Die „Smart SD-Card“ wird in Zukunft
kontaktloses Uebertragen von Daten ermöglichen. Damit wird – unter anderem -
folgendes Szenario möglich: Man bestellt via Handy bei einem Konzertveranstalter
eine Eintrittskarte für eine Veranstaltung. Diese wird per SMS auf die
Smart-SD-Card im Handy geladen, der Betrag der Telefonrechnung belastet. Am
Konzertabend erkennt die elektronische Zugangskontrolle die
Eintrittsberechtigung ohne dass man das Handy auch nur aus der Tasche zu nehmen
braucht, und gibt den Eingang frei.
Neues bei DVD
Auch die DVD bekommt erweiterte Möglichkeiten. JVC und Pioneer haben gemeinsam
eine Disc entwickelt, die zugleich DVD-ROM und DVD-RW ist. Auf dem
fabrikgepressten ROM-Teil kann nun beispielsweise ein kopiergeschütztes
Videospiel untergebracht werden. Auf dem DVD-RW-Bereich auf derselben DVD-Seite
ergänzt der Benützer das Spiel mit eigenen Varianten, speichert Spielergebnisse
oder lädt sich Updates aus dem Internet herunter.
DVD-Videorecorder erleben derzeit einen gewaltigen Boom und das gilt
insbesondere für die Recorder, die auch über eine eingebaute Harddisk verfügen.
Hier übertrumpfen die verschiedenen Hersteller sich gegenseitig mit immer noch
höheren Speicherkapazitäten. Toshiba bietet schon Recorder mit 600 GB Harddisk
an, aber Sony geht noch viel weiter. Unter der Bezeichnung VGX-X90P bringt das
Unternehmen einen Multimedia-Computer in den Handel, der mit der mächtigen
Speicherkapazität von 1 Terabyte aufwartet. Natürlich ist dieses Monstergerät
auch ein DVD-Videorecorder, aber eigentlich nur nebenbei. Hauptsächlich hat man
es hier mit einer enorm leistungsfähigen Zentrale für Information und
Unterhaltung zu tun. Denn hier tun nicht weniger als 4 Harddisks von je 250 GB
Dienst. Zwei sind für die herkömmlichen Computeranwendungen reserviert, die
beiden anderen für Video. Und hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, und
zwar massiv. Nicht weniger als 7 (sieben!) TV-Tuner sind eingebaut. Einer zum
Fernsehen, mit den 6 anderen kann man zur selben Zeit 6 Sendungen von 6
verschiedenen Sendern aufnehmen. Für eine einigermassen übersichtliche
Verwaltung all dieser Aufzeichnungen ist gesorgt, aber es stellen sich doch zwei
Fragen. Erstens: Woher nimmt man die Zeit, sich all diese Aufzeichnungen
anzusehen? Und zweitens: Wo in aller Welt gibt es ein Land, in dem auf 6
Fernsehsendern zur selben Zeit 6 verschiedene Programme laufen, die alle wert
sind, aufgezeichnet zu werden?
Albrecht Gasteiner