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CE-Markt, Sonderausgabe zur High End 2002
Surroundsound – warum eigentlich ?
Warum soll ich mir das
Wohnzimmer mit 5 Lautsprechern vollstellen, wo ich doch nur 2 Ohren habe? Für
Kinoeffekte mag das ja ganz nett sein, aber für Musik? Da spielt das Orchester
doch vorne im Saal und nicht rundherum.
Antworten zum Thema Surroundsound aus musikalischer Sicht gibt Albrecht
Gasteiner
Im Anfang war das Loch
Während der
ersten Jahrzehnte der Audiotechnik kam die Musik aus einem Trichter, später aus
einem Lautsprecher. Für die damalige Zeit war es schon sensationell, überhaupt
eine Ahnung von der in Edison-Walzen oder Schelllackplatten eingeritzte Musik zu
bekommen. Aber viel mehr als eine Ahnung bekam man nicht. Denn die
Mono-Wiedergabe war, als höre man durch ein Loch in einen Konzertsaal hinein.
Mit den Jahrzehnten wurde der Frequenzumfang breiter, das Rauschen ging zurück
und die Verzerrungen nahmen ab, aber das Prinzip hielt sich hartnäckig: Die
Musik kam aus einem Loch, sodass man weder Breite noch Tiefe des Klangkörpers
wahrnehmen konnte und die Akustik des Aufnahmeraumes kaum zu erkennen war.
Dann wurde die Stereophonie erfunden und fortan breitete sich das Orchester
zwischen zwei Lautsprechern vor dem Hörer oder der Hörerin aus. Das ist ein
bisschen, als sitze man in einer Loge mit engen Begrenzungswänden links und
rechts und mit einem niedrigen Plafond, und aus dieser Box heraus höre man in
den vor einem liegenden Konzertsaal hinein. Man spürt ihn, kann links und rechts
unterscheiden, aber so richtig drin ist man nicht. Die Musik hängt im Wohnzimmer
sozusagen zweidimensional, flach wie ein Bild, an der Wand. Nun haben aber jeder
Konzertsaal, jede Kirche, jeder Jazzclub und jedes Fussballstadion eine ganz
eigene, individuelle Akustik. Diese bildet einen wichtigen Bestandteil des
musikalischen Geschehens und sollte demnach ebenso sorgfältig nach Hause
übertragen werden wie Frequenzen und Amplituden. Das kann die Stereophonie
nicht, das bietet nur der Surroundsound.

Da werden die letzten
Begrenzungen weggeblasen und man ist völlig in die Akustik und das komplexe
klangliche Geschehen im Konzertsaal einbezogen. Kinogeher kennen das am besten.
Ein Unterschied zu Stereo, der von praktisch allen Menschen als riesengross und
äusserst faszinierend empfunden wird – und der unausweichlich zur
Spontanreaktion führt: Das muss ich haben!
Das Gegenargument „Warum brauche in 5 Lautsprecher,
wo ich doch nur 2 Ohren habe?“ zieht nicht. In der Natur sind wir ein Leben lang
ununterbrochen, nicht nur im Konzert, von Klängen und Geräuschen aus allen
Richtungen umgeben. Die akustische Information über den uns umgebenden Raum wird
subjektiv oft kaum wahrgenommen sie bestimmt aber entscheidend unsere
Befindlichkeit und unser Orientierungsvermögen. Schon das Geräusch der eigenen
Schritte in einem Gewölbekeller, in einem Wohnraum oder in einem Wald löst
Empfindungen aus. Was wir „Raumgefühl“ oder „Atmosphäre“ nennen, ist die
Reaktion auf akustische Informationen aus unserer Umgebung, und diese
Informationen kommen, wie das Wort „Umgebung“ ja schon andeutet, aus allen
Richtungen. Will man die natürliche Akustik mit technischen Mitteln nachbilden,
ist eine Beschallung von allen Seiten also zwingend geboten, Surroundsound
stellt so gesehen eine Grundvoraussetzung für die naturgetreue Wiedergabe von
Schallereignissen dar. Oder als kurzer Merksatz: Mono ist eindimensional, Stereo
zweidimensional, Surroundsound dreidimensional.
Und es ward
Surround
Dabei muss allerdings gleich betont werden, dass es
Surround-Sound in verschiedenen „Duftnoten" gibt, die es fein säuberlich
auseinanderzuhalten gilt:
Dolby Surround ist ein schon recht betagtes, analoges Verfahren, bei dem die
Signale von 5 Mikrofonen aufgenommen werden. Für den Transport nach Hause per
CD, VHS-Kassette, Radio- oder Fernsehübertragung stehen aber nur 2 Kanäle zur
Verfügung, also müssen die Informationen irgendwie ineinander verschachtelt
werden, was nicht ohne Folgen bleibt: Die Kanaltrennung ist völlig unzureichend
und die Surround-Lautsprecher liefern nur ein Mono-Signal mit dem mickrigen
Frequenzumfang von 150 – 7.000 Hz. Dass sich trotz dieser erheblichen
Einschränkungen weltweit etwa 36 Millionen Menschen für eine Dolby Surround
Anlage entschieden haben, spricht dafür, dass ein echter Bedarf an
Raumklang-Systemen besteht, selbst wenn diese mit Kompromissen behaftet sind.

Doch jetzt ist die Zeit dieser Kompromisse vorbei. Der digitale Surroundsound
bietet uns heute endlich die Möglichkeit, die Signale der einzelnen Mikrofone in
perfekter Kanaltrennung und mit unbeschnittenem Frequenzumfang nach Hause zu
bringen. Sogar der (bei Musik normalerweise nicht nötige) Subwoofer kann völlig
unabhängig von den anderen Lautsprechern angesteuert werden. Was die vollmundige
Werbung schon seit Jahrzehnten bei zahllosen unpassenden Gelegenheiten
ungerechtfertigt versprochen hat, wird nun endlich Wirklichkeit: Es eröffnen
sich neue Klangdimensionen, und wer das je gehört hat, für den ist klar: So
klingt die Audio-Zukunft.

Die dafür nötigen 5 Lautsprecher zu installieren, bereitet meist weniger
Schwierigkeiten als erwartet. Erstens, weil man für Surroundsound nicht so
grosse Lautsprecher braucht wie für Stereo. Die gesamte für die Beschallung des
Raumes nötige Schallenergie verteilt sich ja auf 5 Lautsprecher (statt auf 2 bei
Stereo), dadurch braucht die einzelne Lautsprechermembran nicht mehr so viel
Arbeit zu verrichten, sie darf kleiner sein. Und zweitens, weil die Industrie es
verstanden hat, auch hochwertige Lautsprechersysteme mit attraktivem Aussehen
und bemerkenswert geringen Abmessungen zu entwickeln. Meist wird dabei der Trick
angewendet, die ganz tiefen Bässe von einem separat aufgestellten Tieftonsystem
abstrahlen zu lassen. Das ist klanglich durchaus akzeptabel, da es bei ganz
tiefen Tönen kaum eine Rolle spielt wo die Box steht, der Verzicht auf grosse
Bassmembranen in jeder einzelnen Box bringt aber eine entscheidende
Platzersparnis. Dass der Idealfall für den Audiophilen nach wie vor „5 gleiche
Lautsprecher“ heisst, sei nicht verschwiegen, aber auch kritische Musikfachleute
äussern sich heute anerkennend über gut abgestimmte „Subwoofer &
Satelliten“-Systeme, wie sie auch von den namhaftesten
Lautsprecher-Spezialherstellern angeboten werden.
Die Kleinsten werden die Grössten sein
5 Lautsprecher im Wohnraum bringen übrigens nebenbei noch einen weiteren
Vorteil: Weil man vom Klang eingehüllt ist, kann man leiser hören. Wenn man eine
Stereoanlage leise laufen lässt, wirkt der Klang schnell einmal blass und
unattraktiv. Man ist nicht mehr involviert und verliert leicht Interesse und
Konzentration. Surroundsound hingegen bringt schon bei geringer Lautstärke einen
satten, raumfüllenden Klang und vermittelt die faszinierende Atmosphäre des
unmittelbaren Dabeiseins. Auch hier ein kurzer Merksatz: 5 kleinere Lautsprecher
bringen mehr als 2 ganz grosse.
HIer sehen Sie
eine Surroundsound-Anordnung nach der für Tonstudios geltenden Norm:
So sollten die Lautsprecher im Idealfall auch im Wohnraum aufgestellt sein, und
zwar alle in Ohrenhöhe. Natürlich ist dieses theoretische Ideal in der Praxis
kaum jemals zu verwirklichen, glücklicherweise zeigt sich Surroundsound aber
recht tolerant, was Abweichungen vom Ideal angeht. In dem meisten Fällen ist es
sogar vorzuziehen, die Surroundlautsprecher deutlich hörer zu platzieren als die
Frontlautsprecher, da sich so eine gleichmässigere Verteilung der
Surroundinformation über den gesamten Raum ergibt. Beim Subwoofer ist die
Aufstellung sogar fast völlig egal. Frequenzen unterhalb von etwa 100 Hz können
vom menschlichen Gehör nämlich nicht geortet werden, man nimmt sie einfach wahr,
egal, aus welcher Richtung sie kommen.
Dass ein Subwoofer für Musik im Prinzip nicht nötig
ist, hat seinen Grund darin, dass die DVD-Vorschriften verlangen, dass alle
musikalisch relevanten Informationen in den 5 „normalen“ Kanälen enthalten sind.
Der 6. Kanal heisst „Low Frequency Effects“ (LFE)-Kanal und ist nur für Effekte
da wie man sie vornehmlich aus Katastrophen- und Actionfilmen kennt. Daher
heisst er auch nicht „6. Kanal“, sondern „5+1“. Wer 5 gute
Vollbereichs-Lautsprecher besitzt, für den ist der Subwoofer also eigentlich nur
für die druckvolle Wiedergabe von Explosionen, Flugzeugabstürzen und Erdbeben
sinnvoll, wo kein solches – meist von einem eigenen Kraftverstärker
angetriebenes - Grummelmonster vorhanden ist, werden diese tieffrequenten
Signale auf die 5 regulären Lautsprecher verteilt.
Es gibt aber noch eine zweite Anwendung für einen separaten Tieftonlautsprecher
– und die wird immer häufiger angewendet: Wie oben schon angedeutet, enthalten
viele der kleinen Lautsprechersysteme von „Home-Cinema“-Anlagen nur Mittel- und
Hochtöner. Sämtliche tiefen Töne werden bei diesen Systemen dem „Subwoofer“
zugeteilt. Dieser ist hier erstens nicht mehr fakultativ, sondern unentbehrlich
und zweitens trägt er seinen Namen nicht ganz zu Recht, da er nun ja keine
Subbass-oder Effektfunktion innehat, sondern ununterbrochen für das reguläre
Klanggeschehen im Einsatz ist. Ein Outsourcing der tiefen Töne, sozusagen.
Kreative Klanggestaltung
Gegenüber
dem zweidimensionalen Stereo eröffnet der 5-kanalige Raumklang dem Tonmeister
naturgemäss völlig neuartige Möglichkeiten der Klanggestaltung. Und so gibt es
schon heute eine Fülle von DVD-Video, DVD-Audio und Super Audio CDs, auf denen
innovative, noch nie gehörte Klänge zu erleben sind. Es werden zum Beispiel
Musikaufnahmen angeboten, bei denen man ganz bewusst auf den „Center“-Lautsprecher
verzichtet hat. Es gibt Aufnahmen, bei denen das Orchester oder die Band rund um
den Hörer und die Hörerin aufgestellt sind und die sie somit ins Zentrum des
Geschehens rücken. Und in der Popmusik tummeln sich ein paar ganz
experimentierfreudige Tonmeister, die sogar mit bewegten Klängen arbeiten und
damit aufregende Effekte erzielen. Freilich sind nicht alle Ergebnisse
überzeugend und man kann auch Surround-Produktionen mit ziemlich enttäuschendem
Klang finden. Die erinnern an die 50-er Jahre, wo es unter den ersten
Stereoplatten auch etliche mit schrecklich unnatürlichem Klangbild gab und es
einige Jahre gedauert hat, bis alle Tonmeister gelernt hatten, mit den neuen
technischen Möglichkeiten auch musikalisch sinnvoll umzugehen. Heute stellt die
Surroundtechnik die Tonmeister vor neue und noch grössere Herausforderungen,
aber eine Fülle prachtvoll kingender DVDs und SACDs zeigt, dass die meisten
Tonmeister und Sounddesigner mit den neuen Möglichkeiten schon ganz schön
souverän umgehen.
Phantasie und Innovation machen dabei nicht einmal
vor der angestammten Lautsprecheraufstellung Halt. Werner Dabringhaus, einer der
angesehensten Klassik-Tonmeister Deutschlands und Mitinhaber der Edel-CD-Firma
Dabringhaus und Grimm, hat sich eine Menge grundlegender Gedanken zum Thema
Raumklang gemacht und ist zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Natürlichkeit
des Klangeindruckes deutlich gewinnt, wenn man auch noch die Dimension der Höhe
in den Wohnraum überträgt. Also verzichtet er bei seinen Surroundaufnahmen auf
Center-Lautsprecher und Subwoofer und nutzt diese beiden Kanäle für die
Höheninformation.

Freilich, das System 2+2+2 von MDG bedingt eine andere Lautsprecheraufstellung
als die konventionelle, das wird viele Leute abschrecken. Aber wer sich als
echter „Audiophiler“ die Mühe macht, seine Anlage entsprechend umzustellen, der
wird mit einem ganz besonders eindrucksvolen Klangerlebnis belohnt.
Und zum Schluss noch dies:
Wenn
Sie mit Ihrer Stereoanlage nicht so ganz glücklich sind, dann bieten sich Ihnen
heute zwei Möglichkeiten der Geldanlage: Sie können sich noch dickere Kabel und
noch grössere „Hundehütten“ kaufen und damit – und eventuell auf Kosten des
Familienfriedens – aus der Anlage noch ein, zwei Prozent Gewinn herausschinden.
Ich empfehle Ihnen aber, einen mutigen Schritt in die Zukunft tun, sich von den
Beschränkungen der zweidimensionalen Stereophonie zu befreien und ins
dreidimensionale Glück des Surroundsound einzutauchen. So haben Sie Ihr Geld
zukunftssicher angelegt, so bringt es Ihnen reiche Zinsen in Faszination,
Erlebnis und Befriedigung.