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DVD-Forum Schweiz 7.8.1997
Exklusivinterview
zum Thema "DVD für Audio"
Mit der weltweit ersten Audio-DVD hat DENON eine
Sensation geliefert Treibende Kraft hinter diesem wegweisenden Projekt ist Holger Urbach,
Diplomingenieur und studierter Musiker, Produzent und Tonmeister der DENON Music
Production Group Europa. Das DVD-Forum Schweiz hat ihn exklusiv für ein Interview
gewinnen können.
DVD-Forum Schweiz: Wie ist es möglich,
jetzt schon Audio-DVDs auf den Markt zu bringen, wo doch der Standard dafür noch gar
nicht festgelegt ist?
Holger Urbach: Niemand weiss heute, wie lange es noch dauern wird, bis ein Standard für
die DVD-Audio festgelegt wird und es ist auch nicht klar, ob der dann mit
High-Bit/High-Sampling oder mit Mehrkanalton arbeiten wird - oder mit einer Kombination
aus beidem. Es ist aber jetzt, nach fast 40 Jahren Stereo, höchste Zeit für einen
starken Innovationsschub in der Audio-Branche. Also haben wir uns des bereits erfolgreich
etablierten Standards der DVD-Video bedient, um zu zeigen, was für ein Quantensprung hier
auch in der Audio-Anwendung möglich ist.
Sie zeigen im Videoteil der DVD
hauptsächlich Informationen zu den Komponisten und den aufgenommenen Werken, auch einiges
über die ausübenden Interpreten, das Schwergewicht liegt also eindeutig auf der
Audio-Seite. Und da bieten Sie bahnbrechendes, nämlich erstmals Surround-Sound in Dolby
Digital (AC-3) und parallel dazu Stereo in linearem 16-Bil PCM.
Wir haben uns entschlossen, den Audio-Fans zu zeigen, dass hochqualitativer Surround-Sound
nicht länger Zukunftsmusik bleiben muss, sondern schon jetzt möglich ist. Dies unter
voller Einhaltung aller Spielregeln" und Spezifikationen des DVD-Video
Standards. Unsere DVDs enthalten Dolby Digital codierte 5-Kanal Aufnahmen, derzeit
hauptsächlich Konzert-Mitschnitte, die das gesamte akustische Geschehen im Konzertsaal in
den Wohnraum transferieren. Der zweite Audio-Stream liefert synchron dazu dasselbe Konzert
in linearem 16 Bit PCM Stereo. Diese Stereoaufnahme ist in DENONs mittlerweile fast
schon legendärer One-Point-Technik" aufgenommen, bei der lediglich ein Paar
optimal plazierter Mikrofone (B&K 4006) zum Einsatz kommt.
Wenn man den Ton von Surround-Sound auf Stereo umschaltet, werden also nicht einfach der
Mitte- und die Rücklautsprecher ausgeblendet und von Datenreduzierung auf Linear-PCM
umgeschaltet?
Nein, beileibe nicht. Jedes der beiden Verfahren verlangt nach einer ganz individuellen
Mikrofonaufstellung, und die optimale zu finden ist bei Surround-Aufnahmen mindestens
ebenso heikel wie bei Stereo. Wir stellen nicht einfach zwei zusätzliche Mikrofone
irgendwo weit hinten in den Saal, um ein irgendwie geartetes Raumsignal zusätzlich zur
konventionellen Stereoaufnahme zu erhalten. Stereo plus Raum" ergibt kein
optimales Resultat. Daher werden Surround- und Stereoaufnahme bei uns völlig unabhängig
voneinander und mit separaten Mikrofonaufstellungen gemacht und natürlich steht im
Regieraum zusätzlich zu den Stereolautsprechern ein 5-Kanal Surround Monitoring System.
Wir geben uns Mühe, für die Surround-Aufnahme die Mikrofone so zu plazieren, dass der
Sound nirgendwo auseinanderfällt, sondern wir ein homogenes Ganzes bekommen, in dem man
sich als Zuhörer einfach wohlfühlen kann. Dabei hat sich herausgestellt, dass gerade die
Plazierung der Raummikrofone sehr kritisch ist. Wir konnten zwar auf der enormen Erfahrung
aufbauen, die DENON als einer der Quadrophonie-Pioniere auf diesem Gebiet schon gesammelt
hat, aber dennoch mussten wir für dieses Aufnahmeverfahren alle Säle akustisch sozusagen
neu erforschen, sogar die Alte Oper in Frankfurt, die ich schon in- und auswendig zu
kennen glaubte. Hier sind übrigens unsere ersten DVD-Projekte entstanden.
Demnach ist das Arbeiten mit 3
Lautsprechern vor dem Hörer für Sie als Tonmeister etwas völlig anderes als mit einer
2-Lautsprecher Stereoanordnung?
Allerdings. Gleich bleibt nur die Zielsetzung: Mit möglichst wenig Mikrofonen ein
natürliches Klangbild zu schaffen, das nicht nach Technik klingt, sondern nur nach Musik.
Und das funktioniert bei 5-Kanal
Surround wirklich besser als bei Stereo?
Ja, und zwar gewaltig. Denn Sie sitzen jetzt nicht mehr nur vor einem zweidimensionalen
Schallereignis, sondern Sie sind in ein dreidimensionales hineinversetzt. Sie sitzen nicht
mehr vor einem Fenster, durch das Sie in einen Saal hineinblicken", sondern Sie
sind mittendrin. Da spüren Sie den gesamten Konzertsaal schon, auch wenn noch gar kein
Ton gespielt worden ist. Und wenns dann losgeht, erleben Sie die originale Akustik
des Konzertsaales mit all seinen spezifischen Klangeigenschaften, die in ihrer gesamten
natürlichen Räumlichkeit in Ihren Hörraum transferiert werden. Wobei das gar nichts mit
verschwimmender Halligkeit zu tun hat. Erstaunlicherweise erlebe ich bei der 5-Kanal
Surround-Wiedergabe nicht nur einen besseren Raumeindruck, sondern insbesondere auch eine
bedeutend verbesserte Plastizität, eine viel bessere Lokalisationsschärfe und mehr Tiefe
des Klangbildes, gerade bei dem, was sich vor mir, also auf der Bühne, abspielt. Ich
glaube, dieser phantastisch natürliche Klangeindruck, den Sie - eine gute Aufnahme
vorausgesetzt - schon mit einer relativ einfachen 5-Kanal Reproduktion erleben können,
ist auch mit der besten und teuersten Stereoanlage nicht zu erreichen!
Immer wieder hört man aber das
Argument, bei Musik seien Lautsprecher hinter dem Zuhörer sinnlos, da im Konzertsaal kein
Orchester hinter den Zuhörern spiele.
Na ja, es gibt schon eine ganze Menge Musik, bei der die Musiker nicht nur vorne auf einer
Bühne stehen, von Gabrieli über Berlioz bis Mahler, ganz zu schweigen von
zeitgenössischen Komponisten, die es immer mehr verstehen, den Raum in ihre Werke mit
einzubeziehen und die sich bestimmt sehr bald die neuen Surround-Möglichkeiten zunutze
machen werden. Aber in den meisten Fällen gibt es tatsächlich kein Orchester hinter dem
Publikum, wohl aber eine ganze Menge Klang, der den Zuhörer umfängt und der die gesamte
Atmosphäre entscheidend beeinflusst. Das ist eine wichtige Schallinformation, und die
bringen wir nun endlich auch bis ins Wohnzimmer. Wobei man - abgesehen von den
beschriebenen Ausnahmefällen - das von den Surround-Lautsprechern kommende Signal nicht
explizit wahrnehmen sollte. Wir wollen ja nicht Effekthascherei betreiben wie es in den
Anfangstagen der Stereo- und auch der Quadroära nicht selten vorgekommen ist. Ich habe da
ein schönes Erlebnis mit einem Dirigenten gehabt, der sich überhaupt nicht für Technik
interessiert und der sich normalerweise seine Aufnahmen nicht anhört. Ohne ihm zu sagen,
dass ich mit Surround arbeite, habe ich ihn gebeten, sich doch ausnahmsweise im Regieraum
ein paar Takte des Konzertes anzuhören, das ich gerade mit ihm aufgenommen hatte. Er kam
relativ unlustig - und wollte dann gar nicht mehr gehen. Noch nie habe er eine Aufnahme
als so angenehm natürlich und der Originalsituation so echt entsprechend empfunden, noch
nie sich beim Hören so wohl gefühlt, sagte er. Die Rücklautsprecher hatte er gar nicht
wahrgenommen, aber als ich sie zwischendurch einmal ausgeschaltet habe, war es für ihn
shocking". Und die Frankfurter Allgemeine" hat nach einer Hörprobe
geschrieben: Von der nun auch räumlich täuschend echten Reproduktion musikalischer
Ereignisse geht eine solche Suggestivkraft aus, dass sie sich in dürren Worten kaum
beschreiben lässt. Alles, was selbst die beste Stereo-Wiedergabe vermag, bleibt weit
hinter diesen Sinneseindrücken zurück."
Der Dirigent und der FAZ-Journalist haben doch sicher Masterbänder gehört. Auf der DVD
hören wir aber datenreduziertes Dolby-Digital. Wie würden Sie diesen Unterschied
beschreiben?
Die High-End"-Hörer sind gerade in diesem Punkt sehr kritisch und auch ich
selbst war skeptisch, denn gerade als verantwortlicher Produzent und Tonmeister will man
doch, dass das, was man mit aller Sorgfalt aufgenommen hat, auch vollständig beim
Zuhörer ankommt. Doch nachdem ich nun die Dolby Digital codierten DVD-Master gehört
habe, kann ich Ihnen versprechen: Dieses System leistet Phantastisches. Nur noch im
direkten A-B Vergleich lassen sich Nuancen im Unterschied feststellen. Dafür, dass ich
nun endlich Surround-Musikaufnahmen auf einem handelsüblichen Tonträger kaufen kann, ist
dieses winzig kleine Manko leicht zu verschmerzen!
Folglich darf man erwarten, dass es weitere Musik-DVDs von DENON geben wird?
Zunächst einmal sind 5 Veröffentlichungen innnerhalb des nächsten halben Jahres
terminlich festgelegt, eine davon übrigens mit dem Schweizer Pianisten Andreas Haefliger.
Etwa 10 weitere sind bereits produziert, sodass wir in regelmässigen Abständen für
Nachschub sorgen können.
(Das Gespräch führte Albrecht Gasteiner)