![]()
Audio Video Photo Markt (Fachzeitschrift für den Handel) 20. 3 1998
Wann kommt die Audio-DVD?
Von Albrecht Gasteiner
Die DVD-Video wird langsam Realität. Allzu langsam, muss man sagen, aber der
Riesenerfolg in den U.S.A. hat Produktionsengpässe gebracht und die Hollywood
Studios hatten offenbar die Schwierigkeiten unterschätzt, die es mit sich
bringt, dass es in Europa massenhaft verschiedene Sprachen, auch verschiedene
Schriften und sogar verschiedene Gesetze bezüglich der Veröffentlichungsdaten
und die Zensur von Sex und Gewalt gibt. All das (und einiges mehr) hat zu
unangenehmen Verzögerungen geführt, aber jetzt darf man sicher sein: DVD-Video
ist im Anmarsch, das Interesse der Konsumenten ist da, das Geschäft kann
beginnen.
Doch Filme auf DVD sind nur das erste Beispiel aus einer ganzen Palette von
Möglichkeiten, die das neue Medium bietet. Also sprechen wir aus Anlass der
Swiss HiFi Show doch einmal über die DVD als Audioplatte, als die Super-CD des
21. Jahrhunderts.
Kaufen wird man sie frühestens im nächsten Jahr können, wahrscheinlich sogar
noch später. Ja, man weiss heute noch nicht einmal, welches ihre Eigenschaften
sein werden. Aber gerade in diesem Stadium stellt es doch ein hübsches
Gedankenspiel dar, sich auszudenken, was eine zukünftige DVD-Audio eines schönen
Tages so alles bieten könnte.
Speicherkapazität vor allem, das wissen wir ja schon. 4,7 Gigabyte auf einer
Seite, bis zu 16 Giga auf allen vieren. Doch das sind recht abstrakte Zahlen,
rechnen wir also spasseshalber ein bisschen herum, was sie bedeuten.
Bliebe man bei der Aufzeichnungstechnik der heutigen Compact Disc, dann hätten
auf einer einzigen DVD-Audio sämtliche 41 Sinfonien von Mozart Platz, nämlich
mehr als 30 Stunden Musik. Die PCM-Technik von vor ca. 15 Jahren bietet aber bei
weitem nicht die einzige Möglichkeit, Klänge auf optischen Platten zu speichern.
Inzwischen hat man gelernt, mit den zur Verfügung stehenden Bits
haushälterischer umzugehen, also nur dann viele Bits zu investieren, wenn sie
aufgrund der Klangcharakteristik gerade unbedingt gebraucht werden. Ansonsten
wird am Bit-Budget heftig gespart, was der Spieldauer zugute kommt.
Datenreduktion heisst das. Mit der käme man auf mehr als 200 Stunden Stereomusik
in hervorragender Tonqualität auf einer vierschichtigen DVD, das ist weit mehr
als eine Woche Musik, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung. Eine "gewöhnliche",
einseitige DVD brächte es immer noch bequem auf gut 55 Stunden Spieldauer.
Bizarre Zahlen, und man rechnet im Interesse der Erhaltung seines Seelenfriedens
besser gar nicht erst aus, wieviel bei Monobetrieb, eingeschränkter Dynamik und
geringerem Frequenzumfang (wie etwa bei Hintergrundmusik) zusammenkäme.
Doch Spieldauer ist nicht alles, und vernünftigerweise stehen bei der Konzeption
eines zukünftigen DVD-Audio Systems andere Parameter im Vordergrund, nämlich
bestmögliche Klangqualität und Raumwiedergabe.
Die Klangqualität wird im wesentlichen durch die Abtastfrequenz und die
Wortbreite der Quantisierung des Audiosignals bestimmt, wobei die Abtastfrequenz
den übertragbaren Frequenzumfang bestimmt, die Quantisierung die maximale
Dynamik. Massgeblich für die Natürlichkeit der Raumwiedergabe wiederum ist die
Anzahl der Übertragungskanäle – und hier fängt der Schlamassel an:
Denn es lässt sich trefflich und nahezu ohne Ende darüber streiten, was für
Abtastfrequenzen und Quantisierungen die Menschheit braucht, wieviel
Übertragungskanäle notwendig, vernünftig, wünschenswert oder überflüssig sind,
was für Codierungs- oder Datenreduktionsverfahren eingesetzt werden sollen und
so weiter. Gestritten wird darüber in so erlauchten Gremien wie der "Audio
Working Group Four" des DVD-Forums, der "Recording Industry Association of
America", der "Acoustic Renaissance for Audio", dem "International Steering
Comittee" oder der "Advanced Digital Audio Conference" – und natürlich zwischen
allen möglichen Hard- und Softwarefirmen. Und all denen geht es
verständlicherweise nicht sosehr darum, das beste System zu etablieren, sondern
ihre eigenen Entwicklungen und Patente durchzudrücken, denn da liegt langfristig
gesehen sehr viel Geld drin.
Wo so viele divergierende Interessen im Spiel sind, scheint die Einigung auf
einen Kompromiss kaum möglich. Doch die WG-4 hat es nun immerhin geschafft,
einen Standardisierungsvorschlag in die Vernehmlassung zu schicken. Einen
Vorschlag, der ein Meisterstück in Diplomatie darstellt, denn er versucht, es
allen recht zu machen.
Das Zauberwort heisst: "Flexibilität".
Nach den Vorstellungen der WG-4 soll auf der DVD-Audio eine Vielzahl von
Formaten möglich sein, aus der sich jeder Produzent die ihm zusagende soll
aussuchen können. Basis soll, wie bei der heutigen Compact Disc, PCM-Stereo
sein, aber noch viel besser als heute, nämlich mit verschiedenen
Abtastfrequenzen von 44,1 kHz bis 192 kHz und Wortbreiten bis zu 24 Bit. Bei 192
kHz und 24 Bit hat auf einer DVD-Informationsebene ein Stereoprogramm von 64
Minuten Platz, auf 2 Informationsebenen sind es 117 Minuten, notabene ohne
hörbare Unterbrechung beim Ebenenwechsel.
Auch für Mehrkanalprogramme ist eine Vielzahl von Möglichkeiten vorgesehen: Bis
zu 6 Audiokanäle soll es geben, wobei für ein 5-Kanal Programm mit 96 kHz/20 Bit
auf einer Informationsebene 61 Minuten Spielzeit angegeben werden, andere
Optionen erlauben zum Beispiel 43 Minuten bei 96 kHz/24 Bit für die drei
vorderen Kanäle und 48 kHz/24 Bit für die beiden hinteren Lautsprecher.
Aber nicht nur lineares (unkomprimiertes) PCM in den verschiedensten
Kombinationen von Kanalanzahl, Abtastfrequenz und Quantisierung ist auf der
DVD-Audio erlaubt. Die vorgeschlagenen Spezifikationen sehen die Koexistenz
verschiedener Mehrkanalformate auf ein und derselben DVD-A vor. Im Klartext
bedeutet das, dass auch Dolby Digital, MPEG-2, DTS und DSD möglich sein sollen,
wobei alle Mehrkanalformate mit Mixdown-Informationen ausgestattet werden
sollen, damit diese DVDs auch auf 2-Kanal Stereoanlagen einschränkungslos
abspielbar sind.
Sogar "Hybrid"-DVD-A werden diskutiert. Das sind Hermaphroditen, die auf einer
Ebene Red-Book-kompatibles PCM nach bekanntem CD-Standard enthalten und auf
einer zweiten Ebene irgendeines der neuen DVD-A Formate. Auf den ersten Blick
eine überaus elegante Lösung, denn eine solche Platte könnte man in jedem
CD-Spieler als normale Compact Disc abspielen, auf einem DVD-A Player hingegen
kämen man ihre Super-HiFi- und Mehrkanalmöglichkeiten zur Geltung. Ebenso
willkommen: Die Läden wären das drohende Lagerhaltungs-Problem los, denn CD und
DVD-A wären ein und dieselbe Platte. Doch leider ist die Herstellung solcher
Hybride extrem heikel und damit teuer. Und es wird einem CD-Käufer nur schwer
beizubringen sein, dass er plötzlich für jede CD deutlich mehr bezahlen muss,
weil sie einen Zusatznutzen enthält, der zumindest vorläufig nur einigen wenigen
"High-Endlern" zugute kommt.
Genug Durcheinander? Keineswegs, denn bis hierher ist ein Thema noch überhaupt
nicht angesprochen, geschweige denn gelöst worden, das aber der Musikindustrie
das allerwichtigste überhaupt ist: Technische Massnahmen, die unerlaubtes
Kopieren verhindern und die die Herkunft eines Musikprogrammes zweifelsfrei
zurückverfolgen lassen, selbst wenn die Übertragung in Mono und in
Telefonqualität erfolgt ("Watermarking"). Dafür gibt es eine eigene "Working
Group", deren Vorschläge im Sommer diskutiert werden sollen.
Es wird also noch lang und erbittert gestritten werden, bis man sich endlich und
hoffentlich auf einen verbindlichen DVD-Audio Weltstandard einigen wird. Im
Moment sieht es allerdings ganz danach aus, als werde es trotz aller Bemühungen,
es mit einem "offenen Standard" allen recht zu machen, letztlich doch wieder zu
einer VHS/Beta Situation kommen. Sony (mit Philips im Schlepptau) ist nämlich
wild entschlossen, unabhängig von den offiziellen DVD-Entwicklungen im nächsten
Jahr mit einer eigenen "Super Audio CD" (CD, nicht DVD!) auf den Markt zu
kommen. Die soll zwei Informationsebenen enthalten, von denen die eine
CD-kompatibel ist, die andere in Sony’s 1-Bit DSD-Technik ("Direct Stream
Digital") aufgenommen. Diese DVD-Ebene soll in drei Teile gegliedert sein: Zu
Beginn das Programm in 2-Kanal Stereo, dann dasselbe Programm in 6-Kanal
Surroundsound und schliesslich kommen Zusatzinformationen wie Bilder oder
schriftliche Kommentare.
Fazit: Die DVD-Audio wird mit Sicherheit einen deutlichen Fortschritt bringen.
An "fidelity" der Tonqualität, an Natürlichkeit der Raumabbildung, an
Bedienungskomfort und an Zusatzinformationen. Nur weiss angesichts der
verwirrenden Vielfalt an Möglichkeiten des "offenen Standards" heute noch
niemand im Detail, in welcher Form das Produkt schliesslich auf den Markt kommen
wird – und wann.